Polizei : Newsletter Nr. 154, Juli 2012                                                                                             Verantwortlich: Prof. Dr. Thomas Feltes, Bochum
 1)   Neue Aufgaben für die baden-württembergische Hochschule für Polizei
 2)   ARD-Mediathek: Prügelnde Polizisten – Gewalt ohne Folgen
 3)   Neuer Fall von Schönfärberei bei der Kriminalitätsstatistik?
 4)   Bild-Analysetool bei Facebook soll Alter und Geschlecht bestimmen können
 5)   Deutschsprachiges Kriminologie-Forum im Internet
 6)   Online-Plattform: Crimespace
 7)   Nils Christie: Reflections on Deviance and Social Control
 8)   Dokumentarfilm: Punishment – A Failed Social Experiment
 9)   Kontroverse Expertendiskussion zur Sicherungsverwahrung
10)  Studie zur Lebenserwartung von Obdachlosen
11)  Delinquenz in den schweizerischen Sprachregionen
12)  Nationale Kontaktstelle Sicherheitsforschung
13)  Neues Forschungszentrum: RISK
14)  Rezensionen
15)  Veranstaltungshinweis: CEPOL – Police Science in Europe
 
1) Neue Aufgaben für die baden-württembergische Hochschule für Polizei
Im Rahmen der von der grün-roten Landesregierung angestoßenen Polizeireform werden der Hochschule für Polizei zusätzliche Aufgaben zugewiesen, wobei die Hochschule ihre kompletten Rechte der Selbstverwaltung behalten soll. Die Hochschule soll zur Reduzierung von Schnittstellen und zur besseren Nutzung von Bildungsstrukturen verschiedene Institute erhalten (z.B. für Ausbildung und Training, Management und Fortbildung, Personalgewinnung). Diese unterliegen dann nicht der Selbstverwaltung und auch nicht den hochschulrechtlichen Rahmenbedingungen. Insgesamt also eine Lösung, die man auch von anderen Hochschulen kennt und die dafür sorgen könnte, dass die Vernetzung von Theorie und Praxis optimiert wird.
 
 
2) ARD-Mediathek: Prügelnde Polizisten – Gewalt ohne Folgen
Ein Beitrag der Panoramaredaktion thematisiert die sehr geringe Aufklärungsquote bei Polizeiübergriffen. Im Mittelpunkt des Beitrags steht unter anderem ein aktueller Fall aus Bayern, bei dem eine 60jährige Übersetzerin auf einer Polizeiwache schwer verletzt wurde. Die Anzeige der Frau, die angibt von Polizisten misshandelt worden zu sein, blieb folgenlos. Die zuständige Staatsanwaltschaft hält die Aussage der beschuldigten Polizisten für glaubwürdiger. Sie gaben an, die Frau sei von sich aus, mehrmals gegen eine Wand gerannt um sich zu verletzen. Der Fall dokumentiert die dringende Notwendigkeit einer fairen und unabhängigen Ermittlungsstelle wie sie in vielen Ländern Europas bereits existiert. Notwendig ist die Ermittlungsstelle vor allem für die Polizei selbst. Wenn Gewaltübergriffe von Polizisten und Polizistinnen folgenlos bleiben und die Opfer zynisch verspottet werden, wird die Polizei substantiell an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verlieren. Der Video-Beitrag ist online verfügbar: http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2012/polizeigewalt103.html
 
 
3) Neuer Fall von Schönfärberei bei der Kriminalitätsstatistik?
Der Verband deutscher Kriminalbeamter hält die Zählweise von Cybercrime-Fällen in der deutschen Kriminalstatistik für Schönfärberei. Kommt ein „Trojaner-Fall bei der Polizei zur Anzeige, wird er [häufig] als Auslandsstraftat geführt“. Die Daten der aktuellen Kriminalitätsstatistik, die auf den ersten Blick einen Rückgang der Internet-Straftaten zeigen, sind daher mit Vorsicht zu interpretieren. Eine verlässliche Aussage über das Ausmaß von Cybercime-Fällen und den damit verbundenen Schäden ist derzeit nicht möglich. Quelle und weitere Informationen: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Internet-Kriminalitaet-Trau-keiner-Statistik-1581797.html?mrw_channel=ho;mrw_channel=ho;from-mobi=1
 
 
4) Bild-Analysetool bei Facebook soll Alter und Geschlecht bestimmen können
Facebook hat die israelische Firma Face.com mit der Analyse der Facebook-Bilderdatenbank beauftragt. Face.com arbeitet unter anderem an einem Gesichtserkennungstool. Mit Hilfe des Tools sollen Bilder im Internet einem (evtl. existierenden) Facebook-User zugeordnet werden können. Die Software soll die Bilder allerdings nicht nur zuordnen sondern auch das Geschlecht und das Alter der abgebildeten Personen analysieren können. Quelle und weitere Informationen: http://bits.blogs.nytimes.com/2012/06/18/facebook-acquires-israeli-facial-recognition-company/?nl=todaysheadlines&emc=edit_th_20120619
 
 
5) Deutschsprachiges Kriminologie-Forum im Internet
Seit kurzem existiert ein mit Criminologia assoziiertes Kriminologie-Forum. Die Plattform soll „einer breiten Öffentlichkeit Raum bieten, sich über kriminologisch relevante Themen zu informieren und auszutauschen. Egal, ob es sich um einen Hinweis auf eine Fernsehsendung, eine Webseite oder eine Konferenz handelt“. Eine aktive Beteiligung an dem Forum erfordert eine einmalige Registrierung. Das Forum kann über die folgende URL erreicht werden: http://criminologia.de/forum
 
 
6) Online-Plattform: Crimespace
Crimespace ist eine Online-Plattform die zahlreiche Informationen, Videos und Dokumente aus dem Bereich der Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft bereitstellt. Das Projekt versteht sich auch als Netzwerkplattform und arbeitet mit diversen social-media Applikationen. Die Plattform kann über diesen Link erreicht werden: http://www.crimspace.com/
 
 
7) Nils Christie: Reflections on Deviance and Social Control
In einem sechsteiligen YouTube-Video referiert der norwegische Kriminologe Nils Christie über abweichendes Verhalten und soziale Kontrolle. Christie ist bekannt für seine Kritik an den bestehenden Institutionen der Strafrechtspflege die er (unter anderem) in seinem Buch „Kriminalitätskontrolle als Industrie - Auf dem Weg zu Gulags westlicher Art“ formulierte. Die Playlist der Videos kann über diesen Link erreicht werden: http://www.youtube.com/playlist?list=PL21C6AF58706A0288
 
 
8) Dokumentarfilm: Punishment – A Failed Social Experiment
Der Dokumentarfilm „Punishment – A Failed Social Experiment“ beschäftigt sich kritisch mit den systemimmanenten Mängeln des Strafvollzugs. Der außerordentlich gesellschaftskritische Beitrag basiert primär auf Interviews mit Wissenschaftlern und sozialen Aktivisten. Der Beitrag fokussiert die Situation im Vereinigten Königreich. Die Kritik am System von Strafe und damit verbunden am sozialen System selbst, ist aber auf viele andere westliche Industriegesellschaften übertragbar. Der Dokumentarfilm ist über diesen Link erreichbar: http://www.youtube.com/watch?v=zDsSiMpsIVQ
 
 
9) Kontroverse Expertendiskussion zur Sicherungsverwahrung
In einer Anhörung des Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages haben Experten über die geplanten Änderungen bei der nachträglichen Sicherungsverwahrung diskutiert. „Konrad Beß, Richter am Oberlandesgericht München, befürwortete die Sicherungsverwahrung. Er argumentierte, dass oftmals die ‘Störung der Sexualpräferenz‘ erst in der Haft deutlich werde, nachdem das Strafmaß [..] bereits festgelegt worden sei. […] Prof. Dr. Henning Radtke, Direktor des Kriminalwissenschaftlichen Instituts der Leibniz Universität Hannover, vertrat die Ansicht, dass eine Abschaffung der Sicherungsverwahrung nicht richtig wäre.“ Prof. Dr. Jörg Kinzig, Direktor des Instituts für Kriminologie und Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie, Straf- und Sanktionsrecht in Tübingen, verwies jedoch darauf, dass die Sicherungsverwahrung eine "Haft für noch nicht begangene Straftaten" sei. In der Folge berge der Gesetzentwurf ein hohes Risiko, „beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg abgewiesen zu werden“. Quelle und weitere Informationen: http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2012/39512734_kw26_pa_recht/index.html
 
 
10) Studie zur Lebenserwartung von Obdachlosen
Eine Untersuchung der Universität Sheffield und der gemeinnützigen Organisation Crisis hat die Lebenserwartung von Obdachlosen im Vereinigten Königreich untersucht. Dabei zeigte sich, dass obdachlose Männer im Durchschnitt nur 47 Jahre, obdachlose Frauen sogar nur 43 Jahre alt werden. Maßgeblich für die kurze Lebenserwartung sind meistens Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Darüber hinaus begehen Obdachlose häufiger Selbstmord, sterben häufiger durch Autounfälle und an Infektionskrankheiten. Die Ergebniszusammenfassung der Untersuchung kann im Internet heruntergeladen werden: http://www.crisis.org.uk/data/files/publications/Homelessness%20-%20a%20silent%20killer.pdf
 
 
11) Delinquenz in den schweizerischen Sprachregionen
In der aktuellen online-Ausgabe der Zeitschrift Crimiscope untersucht Valérie Mühlethaler die Unterschiede im Ausmaß und der Struktur von Delinquenz in den verschiedenen eidgenössischen Sprachregionen. Mithilfe von Daten der International Self-Reported Delinquency Study II (ISRD-II) kann gezeigt werden, dass sich die Unterschiede im Hinblick auf die Kriminalitätsbelastung häufig durch wirtschaftliche und soziale Disparitäten erklären lassen. „Grundsätzlich weist das Welschland höhere Prävalenz-, Inzidenz- und Diversitätsraten auf. Dies kann mit den höheren Risikofaktorwerten und deren Kumulierung in dieser Region in Verbindung gebracht werden. Geht man davon aus, dass diese Risikofaktoren sich beeinflussen und somit gegenseitig ihren Einfluss auf die Kriminalität verstärken, wäre eine Politik zu bevorzugen, welche bestrebt ist, die sozialen Unterschiede zu verringern“. Der Beitrag steht im Volltext zum kostenlosen Download bereit: http://www.unil.ch/webdav/site/esc/shared/Crimiscope/Crimiscope45_D.pdf Crimiscope ist ein Produkt der Schule für Kriminalwissenschaften der Universität Lausanne.
 
 
12) Nationale Kontaktstelle Sicherheitsforschung
Die nationale Kontaktstelle (NKS) Sicherheitsforschung berät im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) deutsche Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen um „eine möglichst breite Beteiligung deutscher Interessenten an den Forschungsrahmenprogrammen der EU sicherzustellen“. Die NKS Sicherheitsforschung informiert auf ihrer Website über aktuelle Ausschreibungen, wichtige Hinwiese für Antragsteller sowie über Partnering Events. Die Homepage kann über folgende URL erreicht werden: http://www.nks-sicherheit.de/aktuelle-hinweise
 
 
13) Neues Forschungszentrum: RISK
An der Universität der Bundeswehr in München ist vor kurzem das neue Forschungszentrum "Risiko, Infrastruktur, Sicherheit und Konflikt“ (RISK) entstanden. Das Zentrum ist interdisziplinär ausgerichtete und soll „die Integration der unterschiedlichen Risiko- und Sicherheitsperspektiven in den Sozial-, Natur- und Ingenieurwissenschaften“ vorantreiben. Informationen zu den beteiligten Lehrstühlen finden sich im Internet: http://www.unibw.de/praes/forschung/forschungszentren/risk/risk
 
 
14) Rezensionen
Unter der Rubrik Buchbesprechungen sind auf der Website des Polizei-Newsletters (http://polizei-newsletter.de/books_german.php) neue Rezensionen zu finden: Christian Pundt rezensiert „Belastungs- und Führungserleben im Polizeidienst – Einschätzung durch Vorgesetzte und Mitarbeiter“ von Nicole Bartsch sowie „Mit Routine gegen die Krise – Empirische Analysen zu gesprächsstrukturierenden Mechanismen in polizeilichen Notrufen“ von Elisa Szulganik.
 
 
15) Veranstaltungshinweis: CEPOL – Police Science in Europe
Zwischen dem 25. und 27. September 2012 findet in Saint-Cyr-au-Mont-d'Or in Frankreich die Jahreskonferenz des European Police College (CEPOL) statt. Im Rahmen der dreitägigen Veranstaltungen werden aktuelle Projekte aus der europäischen Polizeiwissenschaft vorgestellt und diskutiert. Die Konferenz richtet sich primär an Wissenschaftler. Weitere Informationen zum Programm und zum Anmeldeverfahren finden sich im Internet: http://www.cepol.europa.eu/index.php?id=research-science-conferences