Polizei : Newsletter Nr. 182, Februar 2015                                                                                             Verantwortlich: Prof. Dr. Thomas Feltes, Bochum
 1)   Statistiken zur Telekommunikationsüberwachung
 2)   Warum begehen männliche Studierende Sexualstraftaten an Universitäten?
 3)   Policing-Network der British Society of Criminology
 4)   LKA-Studie erklärt Für und Wider von “Predictive Policing”
 5)   Finanzielle Unterstützung für Nachbarschaften reduziert Kriminalität
 6)   Fernando Bermudez erhält nach Fehlurteil Schadenersatz in Millionenhöhe
 7)   Landesgesetz über die Bewährungs- und Gerichtshilfe in Baden-Württemberg genügt beamtenrechtlichen Anforderungen nicht
 8)   Cybercrime
 9)   Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Bundesjustizministerium
10)  Fußball und Häusliche Gewalt
11)  Infantile Amnesie? – Neue Erkenntnisse zu frühesten Kindheitserinnerungen
12)  Krieg als Teil unseres evolutionären Erbes? – Zur Gewalt bei Jägern und Sammlern
13)  Gefährliche Gehirne: neurobiologische Risikoanalyse
14)  Broken Windows revisited – zum x. Mal
15)  Zygmunt Bauman feiert 90. Geburtstag
16)  Verfahrensgerechtigkeit erhöht Kooperationsbereitschaft mit der Polizei
17)  Finanzielle Folgen der Privatisierung von Gefängnissen
18)  Grüner Polizeikongress in Hamburg
19)  Buchbesprechungen
 
1) Statistiken zur Telekommunikationsüberwachung
Knapp die Hälfte aller Überwachungsmaßnahmen von Telekommunikation im Justizbereich wird auch weiterhin bei Drogendelikten durchgeführt. Das geht aus den jährlichen Statistiken des Bundesjustizamts hervor. Die Behörde verweigerte die Herausgabe der Daten in maschinenlesbarer Form, aber auf der website von netzpolitik.org stehen sie zur Verfügung https://netzpolitik.org/2015/statistiken-zur-telekommunikationsueberwachung-telefon-und-internet-ueberwachung-weiterhin-meistens-wegen-drogen
 
 
2) Warum begehen männliche Studierende Sexualstraftaten an Universitäten?
In den USA wird eine von fünf weiblichen Studierenden während des Studiums Opfer von sexueller Gewalt. Eine Studie geht der Frage nach, was die Motive und Sichtweisen der Täter sind und was getan werden kann, um Vergewaltigungen und andere Taten zu verhindern. Der Beitrag steht noch bis zum 6. Februar 2015 zum freien download zur Verfügung unter http://online.liebertpub.com/doi/pdf/10.1089/vio.2014.0022
 
 
3) Policing-Network der British Society of Criminology
Das Netzwerk ermöglicht einen internationalen Austausch derjenigen, die sich mit Polizeiforschung befassen. Moderiert wird es von Megan O’Neill. Über sie kann man sich auch für das Netzwerk registrieren lassen: m.oneill@dundee.ac.uk. Zuletzt war dort ein interessanter Diskussionsbeitrag von Philip Stenning zur Privatisierung der Polizei verfügbar: http://bscpolicingnetwork.com/2014/12/20/a-short-response-to-adam-white/
 
 
4) LKA-Studie erklärt Für und Wider von “Predictive Policing”
Drei deutsche Landeskriminalämter wollen Anwendungen zur polizeilichen Vorhersage von Straftaten testen. Eine Studie des Landeskriminalamtes Niedersachsen betrachtet und analysiert “Predictive Policing”. Weitere interessante Details sowie der link zu de Studie finden sich auf der website von netzpolitik.org unter https://netzpolitik.org/2015/lka-studie-erklaert-fuer-und-wider-von-predictive-policing-auch-bka-liebaeugelt-jetzt-mit-vorhersagesoftware Mit dem gleichen Thema beschäftigt sich auch eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke aus dem deutschen Bundestag vom 12.12.2014, verfügbar unter http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/035/1803525.pdf
 
 
5) Finanzielle Unterstützung für Nachbarschaften reduziert Kriminalität
Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die ein entsprechendes Unterstützungsprogramm in den USA evaluiert hat. Insbesondere in armen Nachbarschaften ist ein mittel- bis langfristiger Effekt nachweisbar. Quelle: Ramey/Shrider: New Parochialism, Sources of Community Investment, and the Control of Street Crime. In: Criminology & Public Policy, 13, 2, 2014, p. 193–216
 
 
6) Fernando Bermudez erhält nach Fehlurteil Schadenersatz in Millionenhöhe
F. Bermudez war nach 18 Jahren in einem Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen worden. Der damals ermittelte Polizeibeamte hatte in seinem und in weiteren Fällen Beweismittel gefälscht und Zeugen manipuliert. Insgesamt wurden ihm 4,75 Mio. USDollar zugesprochen (ca. 4 Mio. Euro). Zum Vergleich: In Deutschland hätte er nach den entsprechenden Vorschriften rund 165.000.- Euro bekommen. Bermudez war 2013 auf Einladung des Bochumer Lehrstuhls für Kriminologie zu Vorträgen in Deutschland. Ein Video ist unter http://www.youtube.com/watch?v=k1b_gVEsvRs verfügbar. Quelle: http://www.dailymail.co.uk/news/article-2884950/4-75M-man-92-murder-conviction-tossed.html
 
 
7) Landesgesetz über die Bewährungs- und Gerichtshilfe in Baden-Württemberg genügt beamtenrechtlichen Anforderungen nicht
In einem Brief des Justizministeriums wird gebeten, dass die Beamten und Landesangestellten dennoch den Weisungen der Neustart gGmbH Folge zu leisten. Ferner kündigt das Ministerium an, dass die gegenwärtige Beurteilungs- und Beförderungsrunde ausgesetzt wird. http://www.bverwg.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung.php?jahr=2014&nr=71 http://www.jum.baden-wuerttemberg.de/pb/,Lde/2171484/?LISTPAGE=1145463
 
 
8) Cybercrime
Das Bundeskriminalamt hat den vollständigen Tagungsband über die Herbsttagung 2013 zum Thema "Cyberkriminalität" ins Netz gestellt. Die PDF-Datei kann unter folgender URL herunter geladen werden: http://www.bka.de/nn_243818/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Herbsttagungen/2013/herbsttagung2013azTagungsband.html Das ergänzende Lagebild Cybercrime steht hier zur Verfügung: http://www.bka.de/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Cybercrime/cybercrime__node.html?__nnn=true
 
 
9) Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Bundesjustizministerium
Die Arbeit der Unabhängigen Wissenschaftlichen Kommission zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz ist in einem kleinen Sammelband unter dem Titel "Die Rosenburg" elektronisch verfügbar unter http://www.bmjv.de/DE/Service/Broschueren/_node.html;jsessionid=48AF2823078AA42B1F4E33ADDD19D1E6.1_cid334
 
 
10) Fußball und Häusliche Gewalt
Kirby u.a. untersuchen inwieweit die übertragenen WM-Fußballspiele der englischen Nationalmannschaft die Anzahl der berichteten Fälle von häuslicher Gewalt im Nord-Westen Englands beeinflussen. Die Ergebnisse zeigen, dass das Risiko einer häuslichen Gewalttat ansteigt, insbesondere bei einer Niederlage und je weiter das Turnier fortschreitet. Quelle: Kirby, S., Francis, B. & O’Flaherty, R. (2014). Can the FIFA World Cup Football (Soccer) Tournament Be Associated with an Increase in Domestic Abuse? Journal of Research in Crime and Delinquency, 51(3), S. 259-276. DOI: 10.1177/0022427813494843. http://jrc.sagepub.com/content/51/3/259.full.pdf+html
 
 
11) Infantile Amnesie? – Neue Erkenntnisse zu frühesten Kindheitserinnerungen
Das Phänomen, dass sich Erwachsene meist nicht an Ereignisse vor dem Erreichen eines Lebensalters von dreieinhalb Jahren erinnern können, wird durch neuere Befunde einer prospektiven Studie in Frage gestellt: Denn mit zunehmendem Alter werden früheste Kindheitserinnerungen nachdatiert. Quelle: Wang, Q. & Peterson, C. (2014) Your Earliest Memory May Be Earlier Than You Think: Prospective Studies of Children’s Dating of Earliest Childhood Memories. Developmental Psychology, 50 (6), 1680–1686. http://dogsbody.psych.mun.ca/abstracts/peterson/2014_wang_peterson.pdf
 
 
12) Krieg als Teil unseres evolutionären Erbes? – Zur Gewalt bei Jägern und Sammlern
Mord und Totschlag sind in Form von spontanen Gewaltausbrüchen zwischen Individuen bis in die Altsteinzeit belegt, doch kollektiv organisierte Kriege gab es bei Jägern und Sammlern kaum. Kriegerische Auseinandersetzungen scheinen erst im Zuge der Entwicklung von Besitz und Sesshaftigkeit eine jüngere Erfindung zu sein. Quelle: Helbling, J. (2014) Jenseits von Eden. Gehirn und Geist, 01/2015
 
 
13) Gefährliche Gehirne: neurobiologische Risikoanalyse
Ein Beitrag des Kriminologischen Journals setzt sich kritisch mit der Verdachtsgewinnung durch neurobiologische Risikoanalysen auseinander und zeigt mit dem Instrument einhergehende Folgen und Probleme auf. Quelle: Heinemann, T. (2014). Gefährliche Gehirne: Verdachtsgewinnung mittels neurobiologischer Risikoanalysen. In: KrimJ 46(3), S. 184-198.
 
 
14) Broken Windows revisited – zum x. Mal
Keizer et al. können in ihrer Untersuchung Effekte der Broken-Windows-Theorie (Wilson & Kelling, 1982) empirisch nachweisen. Ein frühzeitiges Erkennen von Unordnung und eine entsprechende Intervention sind, so die Autoren, von entscheidender kriminalpräventiver Bedeutung. Näheres zu Feldexperimenten und Ergebnissen unter: http://www.influenceatwork.com/wp-content/uploads/2012/02/BrokenWindowsArticle.pdf
 
 
15) Zygmunt Bauman feiert 90. Geburtstag
Der Soziologe ist anlässlich seines 90. Geburtstages von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie mit dem Preis für ein „hervorragendes wissenschaftliches Lebenswerk“ ausgezeichnet worden. Laudator Ulrich Beck hob hervor, dass Bauman „vielleicht der Letzte“ sei, der „die intellektuelle Stellung eines jüdischen Kosmopoliten“ einnähme. Seine Relevanz für das 20. Jahrhundert sei mit jener von Ephraim Lessing und Heinrich Heine für das 19. Jahrhundert sowie von Theodor W. Adorno und Hannah Arendt für das Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar. Die Laudatio ist abrufbar unter: http://www.taz.de/Soziologe-Zygmunt-Bauman/!147628/.
 
 
16) Verfahrensgerechtigkeit erhöht Kooperationsbereitschaft mit der Polizei
Richtet die Polizei in der öffentlichen Wahrnehmung ihr Handeln an Recht und Gesetz aus, so stärkt dies in der Bevölkerung die Bereitschaft, mit der Polizei zu kooperieren. Untersuchungsergebnisse zeigen nun, dass dieser Zusammenhang besonders stark bei Jugendlichen ausgeprägt ist. Murphy, Kristina: Does procedural justice matter to youth? Comparing adults’ and youths’ willingness to collaborate with police, Policing and Society: An International Journal of Research and Policy, 25, 1, 2015, S.53-76
 
 
17) Finanzielle Folgen der Privatisierung von Gefängnissen
Ein Artikel in der Zeitung The Guardian befasst sich mit den finanziellen Folgen der geplanten Privatisierung der Bewährungshilfe in England. Obwohl das Projekt umstritten ist, hatte das Justizministerium entsprechende Verträge mit privaten Investoren abgeschlossenen. Diese sichern den beteiligten Firmen abgeschlossen und diesen in den ersten 10 Jahren Gewinne zugesagt und zudem Schadensersatzverpflichtungen übernommen. Dies könnte für die Steuerzahler Mehrbelastungen bis zu 400 Millionen Pfund bedeuten. Quelle: http://www.theguardian.com/politics/2014/sep/11/poison-pill-probation-contracts-moj-serco-g4s
 
 
18) Grüner Polizeikongress in Hamburg
Die Foren sind: Polizei und Rechtstaatlichkeit, Alternativen zum Generalverdacht und Beziehungen zwischen Polizei und Bürgern. Vorträge u.a. von Holger Münch (BKA-Präsident), Bernd Belina (Univ. Frankfurt, Thomas Feltes (Ruhr-Univ. Bochum) und Irene Mihalic (MdB). Informationen http://www.gruener-polizeikongress.de
 
 
19) Buchbesprechungen
(alle Besprechungen sind zu finden unter http://www.polizei-newsletter.de/books_german.php)
 
Evidence-based Child Forensic Interviewing – The Developmental Narrative Elaboration Interview
Mit dem Thema der Anhörung kindlicher Zeugen im forensischen Kontext im Spannungsfeld von Tataufklärung und Opferschutz, beschäftigt sich Karen J. Saywitz und Lorinda B. Camparo in “Evidence-based Child Forensic Interviewing – The Developmental Narrative Elaboration Interview.” Nach Rezensentin Lena Jordan ist „die Lektüre […] uneingeschränkt empfehlens- und darüber hinaus für Praktiker auch wünschenswert.“
 
Handbuch der Rechtspsychologie
Das „Handbuch der Rechtspsychologie“ von Renate Volbert und Max Steller (Hrsg.) beschäftigt sich mit dem Anwendungsbereich des rechtspsychologischen Fachgebiets, kriminalpsychologischen Konstrukten sowie Hintergrundwissen zu methodologischen Vorgehensweisen bei forensisch-psychologischen Fragestellungen in der Praxis. Nach Rezensentin Lena Jordan ist das Werk „trotz des nicht günstigen Anschaffungspreises schlussendlich ein unverzichtbares Standardwerk für ein interessantes interdisziplinäres Teilgebiet der angewandten Psychologie.“
 
Staatsanwaltschaftsrecht
Das Werk „Staatsanwaltschaftsrecht“ von Werner Schubert beschäftigt sich mit Reformprojekten, die ihnen zu Grunde liegenden Motive, die Gründe für das Scheitern von Reformbestrebungen, warum die meisten Vorschläge zur Neuorganisation der Staatsanwaltschaft scheiterten und nicht weiter verfolgt wurden. Nach Rezensent Andreas Ruch „zeichnet [es] sich durch seine umfassende historische Perspektive auf die Organisation und das Wesen der Staatsanwaltschaft aus.“
 
Making the Transition: International Intervention, State Building and Criminal Justice Reform in Bosnia and Herzegovina
Mit der Analyse der Reform- und Rekonstruktionsprozesse im Bereich des Strafrechts in Bosnien Herzegowina in den Jahren der gewaltsamen Abspaltung von der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien beschäftigt sich Andy Aitchison in „Making the Transition: International Intervention, State Building and Criminal Justice Reform in Bosnia and Herzegovina.“ Nach Rezensentin Eva Dinchel ist das Werk „nicht nur für Experten im Bereich Strafrechtsreform und Wiederaufbau von Staaten, sondern auch für Leser geeignet, die sich vorher nicht ausgiebig mit der Thematik beschäftigt haben.“
 
Gleichbehandlung oder altersentsprechende Differenzierung – Brauchen wir ein besonderes «Altersstrafrecht»?
Mit der Frage „Brauchen wir, dem Jugendgerichtsgesetz entsprechend, ein besonderes «Altersstrafrecht»?“ beschäftigt sich Nina Poltrock in ihrer Dissertation „Gleichbehandlung oder altersentsprechende Differenzierung.“ Nach Rezensent Jörn Olhöft zeigt das Werk „geradezu exemplarisch, dass kriminologische und rechtstatsächliche Erkenntnisse für die Frage gesetzgeberischen Handlungsbedarfs von nicht gering zu schätzender Bedeutung sind.“