Polizei : Newsletter Nr. 183, März 2015
 1)   Neues vom Polizeiwissenschaft : Newsletter
 2)   Weltweite Krisenherde der Gewalt: Wie man Intervention und Prävention bündelt
 3)   Strafrecht am Puls der Zeit
 4)   Bedrohung durch gesellschaftliche Minderheiten in Kanadischen Städten
 5)   BGH-Richter zur Reform des Sexualstrafrechts
 6)   Predictive Policing – Antwort der Bundesregierung
 7)   Doch nicht mehr Gewalt gegen Polizeibeamte?
 8)   Technikpotenzial in der Polizeiarbeit wahrnehmen
 9)   Täteridentifizierung
10)  USA ändern ihre Kriminalpolitik
11)  Institut fordert Einrichtung von unabhängigen Polizei-Beschwerdestellen
12)  Protokolle des NSU-Prozesses
13)  Die Rolle der schulischen Situation bei impulsiven Jugendlichen auf der Suche nach Stimulation
14)  Polizeineulinge in der Ausbildung übernehmen von Dirty Harry inspirierte Mittel
15)  Neuer Gesetzesentwurf zur Überwachung von Bewährungshilfeprobanden vorgelegt
16)  „Not My Fault“ – Zur Externalisierung von Schuld bei Psychopathen
17)  Vermehrter Konsum gewalthaltiger Videospiele korreliert mit Rückgang der Gewalt bei Jugendlichen
18)  Jahrestagung der Kriminologischen Gesellschaft
19)  Buchbesprechungen
 
1) Neues vom Polizeiwissenschaft : Newsletter
Seit Januar 2015 ergänzt eine chinesische Version die Ausgaben des Polizeiwissenschaft : Newsletter in Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch. Der PNL reagiert damit auf die wachsende Bedeutung des asiatischen und vor allem chinesischen Marktes. Die Übersetzung der Texte besorgt He Huang, Dozent am College of Comparative Law der China University of Political Science and Law in Beijing. Zudem konnten wir Anfang Februar 2015 den 7.000sten Abonnenten der deutschen Version des Polizei-Newsletter begrüßen. Es handelt sich um Dipl.Psych. J.H., der am Zentrum für Psychiatrie Reichenau tätig ist. Abonnentin Nr. 7001 ist übrigens eine Polizeipräsidentin einer deutschen Großstadt.
 
 
2) Weltweite Krisenherde der Gewalt: Wie man Intervention und Prävention bündelt
Auf einer Konferenz in Cambridge im September 2014 stellte Susanne Karstedt ihre Forschung zu weltweiten Krisenherden der Gewalt vor, die auf einzigartigem Datenmaterial beruht, das organisierte und nichtorganisierte Gewalt für 134 Länder seit 1976 zusammenfasst. Text und Präsentation stehen zur Verfügung unter http://www.polizei-newsletter.de/documents/2015_Karstedt_Reduction_of_violence_2014.pdf
 
 
3) Strafrecht am Puls der Zeit
Unter diesem Titel stellt Prof. Dr. Gereon Wolters (Ruhr-Universität Bochum) regelmäßig aktuelle BGH-Entscheidungen zum Strafrecht vor – knapp und prägnant, mit Verlinkung zu den Ursprungsentscheidungen. Quelle: http://www.ruhr-uni-bochum.de/ls-wolters/themen/meldungen.html
 
 
4) Bedrohung durch gesellschaftliche Minderheiten in Kanadischen Städten
In den größten Städten Kanadas wurde eine Studie durchgeführt, die den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Heterogenität und Polizeistärke bzw. den finanziellen Ausgaben für Polizei und Sicherheit untersucht. Dabei kommt die Studie zu anderen Ergebnissen als vergleichbare Studien in Deutschland und den USA. Quelle: http://utpjournals.metapress.com/content/q68r442101rt6861/?p=ec37f7b570fe4967bd63627dd1a5f5e2&pi=0
 
 
5) BGH-Richter zur Reform des Sexualstrafrechts
Eine zweiteilige, lesenswerte Kolumne des Vorsitzenden des 2. Strafsenats am BGH, Thomas Fischer zum Änderungsbedarf am bestehenden Sexualstrafrecht ist in der "Der Zeit" erschienen. Fischer kritisiert u.a. auch die zunehmende Komplizierung rechtlicher Regelungen im Umgang mit Lebenssachverhalten, so dass nur noch wenige Rechtspraktiker, aber nicht mehr die Menschen selbst, das Recht annähernd richtig interpretieren können und merkt in diesem Zusammenhang auch kritisch die Tendenz einer zunehmenden Einschränkung bürgerlicher Freiheiten durch eine ausufernde Verstrafrechtlichung der sozialen Ordnung im Allgemeinen an. Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-02/sexuelle-gewalt-sexualstrafrecht
 
 
6) Predictive Policing – Antwort der Bundesregierung
Im letzten Newsletter hatten wir über die Anfrage der der Fraktion Die Linke aus dem deutschen Bundestag zu diesem Thema berichtet. Die Antwort der Bundesregierung steht inzwischen unter http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/037/1803703.pdf zur Verfügung. Und der Beitrag von Alexander Gluba: Predictive Policing – eine Bestandsaufnahme ist in: Kriminalistik, 2014, Heft 6, S. 347–352 erschienen.
 
 
7) Doch nicht mehr Gewalt gegen Polizeibeamte?
Auch in Baden-Württemberg wurde von Polizei und Politik immer wieder der Anstieg der Gewalt gegen Polizeibeamte behauptet. Eine neue Aufstellung zeigt dagegen, dass die in der Kriminalstatistik erfassten Angriffe auf Polizeibeamte zumindest in diesem Bundesland seit Jahren stagnieren. Quelle: http://www.morgenweb.de/nachrichten/sudwest/doch-nicht-mehr-gewalt-gegen-polizisten-1.2089850
 
 
8) Technikpotenzial in der Polizeiarbeit wahrnehmen
Das Center for Evidence-Based Crime Policy veröffentlichte den Bericht „Technikpotenzial in der Polizeiarbeit wahrnehmen: Eine Studie zu sozialen, organisatorischen und Verhaltensaspekten bei der Umsetzung von Techniken der Polizeiarbeit mit verschiedenen Ansatzpunkten“. Dieses Projekt untersucht die sozialen, organisatorischen und verhaltenstechnischen Auswirkungen einiger meistbenutzter Techniken in der Polizeiarbeit. Laden Sie den vollständigen Bericht hier herunter: http://cebcp.org/wp-content/evidence-based-policing/ImpactTechnologyFinalReport
 
 
9) Täteridentifizierung
Augenzeugen spielen eine wichtige Rolle in Strafprozessen, wenn sie Täter identifizieren können. Forschung zu Faktoren, die die Genauigkeit von Augenzeugenidentifizierungsvorgehen beeinträchtigen, gibt uns eine immer klarere Vorstellung davon, wie Identifikation von statten geht und, noch wichtiger, ein verbessertes Verständnis der grundsätzlichen Grenzen von Sicht und Gedächtnis, die zu Identifikationsfehlern führen können. Diese Grenzen können falsche Identifizierungen mit gravierenden Folgen verursachen. Die Frage, was unternommen werden kann, um sicherzugehen, dass durch Identifikation des Augenzeugen der Schuldige verurteilt und der Unschuldige entlastet wird, wird in einem Buch diskutiert, das zum Herunterladen hier zur Verfügung steht: http://www.nap.edu/catalog/18891/identifying-the-culprit-assessing-eyewitness-identification
 
 
10) USA ändern ihre Kriminalpolitik
Mit großem Erstaunen nehmen Kriminologen weltweit zur Kenntnis, dass die USA sich zumindest ansatzweise von ihrer repressiven Kriminalpolitik verabschieden. So reduzieren sich seit geraumer Zeit die Verhängungen von Todes- und lebenslangen Freiheitsstrafen, und auch die Straflänge wird zunehmend geringer. Die aktuellen Entwicklungen sowie die Erwartungen bis 2020 (Halbierung der Gefängnisinsassen) werden in einem Sonderheft der Zeitschrift Criminology & Public Policy beschrieben (Vol. 13, Issue 4, Nov. 2014). Quelle: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/capp.2014.13.issue-4/issuetoc
 
 
11) Institut fordert Einrichtung von unabhängigen Polizei-Beschwerdestellen
Um das Menschenrecht auf wirksame Beschwerde auch bei mutmaßlichen Menschenrechtsverletzungen durch Angehörige der Polizei zu gewährleisten, bedarf es nach Ansicht des Deutschen Instituts für Menschenrechte unabhängiger Beschwerdestellen. Anders als in zahlreichen Staaten gibt es in Deutschland bislang keine derartigen Einrichtungen. Quelle: http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/uploads/tx_commerce/Unabhaengige_Polizei_Beschwerdestellen.pdf
 
 
12) Protokolle des NSU-Prozesses
Das SZ-Magazin hat das zweite Jahr des Prozesses gegen den NSU dokumentiert. Aus den Mitschriften ist ein Protokoll entstanden, das im SZ-Magazin erschienen ist und in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk verfilmt wurde. Die Protokolle werden im Originalton, allerdings gekürzt, von vier Schauspielern gelesen. Quelle: http://story.br.de/nsu-protokolle/
 
 
13) Die Rolle der schulischen Situation bei impulsiven Jugendlichen auf der Suche nach Stimulation
Ein benachteiligtes schulisches Umfeld wird mit vergrößertem Straffälligkeitsrisiko in Verbindung gebracht. Die Ergebnisse einer neuen Studie zeigten einen mildernden Effekt von schulischen Vorteilen auf das individuelle Risiko von Heranwachsenden, strafauffällig zu werden. Impulsive und nach Stimulation suchende („sensation-seeking“) Heranwachsende, vor allem Jungen, begingen weniger Verbrechen, wenn sie eine vorteilhaftere Schule besuchten. Quelle: Eklund/Fritzell: Keeping delinquency at bay: The role of the school context for impulsive and sensation-seeking adolescents. In: European Journal of Criminology 11, 2014, 6, S. 682-701
 
 
14) Polizeineulinge in der Ausbildung übernehmen von Dirty Harry inspirierte Mittel
Die Studie führte einen Test zu der Vermutung durch, dass Polizeineulinge mit verschiedenem Hintergrund, die eine vergleichsweise lange akademische Ausbildung besitzen, vor nichtrechtmäßigen Praktiken zurückschrecken. Dies wurde durch Längsschnittumfragedaten zweier Jahrgänge schwedischer Polizeineulinge getestet. Während der praktischen Ausbildung bekamen die Neulinge eine positivere Einstellung gegenüber nichtrechtsmäßigen Praktiken. Diese Neuorientierung fand unbeachtet der Dienstart statt, der sie zugeordnet worden waren. Dazu kam, dass weder das Bildungsniveau der Neulinge noch das ihrer Eltern Ausschlag zu geben schien. Junge männliche Neulinge neigen etwas mehr dazu, durch Dirty Harry inspirierte Mittel zu übernehmen: mit schmutzigen Mitteln erforderliche Ziele erreichen. Quelle: Fekjær/Petersson/Thomassen: From legalist to Dirty Harry: Police recruits’ attitudes towards non-legalistic police practice. In: European Journal of Criminology 11, 2014, S. 745-759
 
 
15) Neuer Gesetzesentwurf zur Überwachung von Bewährungshilfeprobanden vorgelegt
Die Justizministerkonferenz hat über den Bundesrat einen Gesetzesentwurf zur Überwachung von Bewährungshilfeprobanden vorgelegt. Demnach sollen Bewährungshelfer künftig bestimmte Informationen über ihre Klienten an die Polizei weiterzugeben. Quelle: Peter Asprion: „Gesetzesentwurf zur Überwachung von Straftätern: Von der Bewährungshilfe zur Bewährungspolizei?“. In: Legal Tribune, http://www.lto.de/recht/hintergruende/h/bewaehrungshilfe-gesetzesentwurf-polizei-justizministerkonferenz/
 
 
16) „Not My Fault“ – Zur Externalisierung von Schuld bei Psychopathen
Laut einer aktuellen Studie hängt die Eigenschaft zur Schuldexternalisierung als eine Facette der psychopatischen Persönlichkeit am stärksten mit Entwicklung krimineller Karrieren zusammen, insbesondere bei den Befragten, die hohe Psychopathie-Werte aufwiesen. Weitere Zusammenhänge wurden gefunden für die Teilaspekte Furchtlosigkeit und sorglose Planlosigkeit. Quelle: DeLisi, M., Angton, A., Vaughn, M.G., Trulson, C. R., Caudill, J. W., Beaver, K. M. (2014) Not My Fault: Blame Externalization Is the Psychopathic Feature Most Associated With Pathological Delinquency Among Confined Delinquents. International Journal of Offender Therapy and Comparative Criminology, 58 (12), 1415-30. http://ijo.sagepub.com/content/58/12/1415.long
 
 
17) Vermehrter Konsum gewalthaltiger Videospiele korreliert mit Rückgang der Gewalt bei Jugendlichen
Seit den 20er Jahren beschuldigen Gelehrte und Politiker die Gewalt in Filmen und anderen Medien, einen Beitrag an der immer stärker werdenden Gewalt in der Gesellschaft zu haben. Eine neue Studie fand heraus, dass es keine Verbindungen zwischen dem Konsum gewalthaltiger Medien in der Gesellschaft und Gewalt in der Gesellschaft gäbe. Der Konsum gewalthaltiger Videospiele wurde stark mit dem Rückgang von Gewalt bei Jugendlichen in Beziehung gesetzt. Es wurde jedoch gefolgert, dass solch ein Zusammenhang sehr wahrscheinlich zufällig ist und nicht besagt, dass Videospiele den Rückgang von Jugendgewalt verursacht hätten. Quelle: Ferguson, C.J. Does media violence predict societal violence. It depends on what you look at and when. Journal of Communication, 2014. Quelle: http://www.eurekalert.org/pub_releases/2014-11/ica-nlf102814.php
 
 
18) Jahrestagung der Kriminologischen Gesellschaft
In Köln findet vom 24.-26. September 2015 die Jahrestagung der Kriminologischen Gesellschaft (KrimG), der wissenschaftlichen Vereinigung deutscher, österreichischer und schweizerischer Kriminologinnen und Kriminologen, statt. Beiträge bzw. Abstracts können ab sofort bis zum 30. April 2015 eingereicht werden. Weitere Hinweise unter http://www.jura.uni-koeln.de/kriminologie2015
 
 
19) Buchbesprechungen
Werner Distler: Intervention als soziale Praxis. Interaktionserfahrungen im Alltag des Statebuilding am Beispiel der Internationalen Polizeimission im Kosovo. Die Studie, die auf Interviews mit 20 deutschen Polizeibeamten, die im Kosovo eingesetzt waren basiert, wird von Thomas Feltes besprochen, der zu dem Ergebnis kommt, dass das Buch zur Pflichtlektüre für alle Beamten werden sollte, die in einen Auslandseinsatz gehen.
 
Leipold, Klaus; Tsambikakis, Michael; Zöller, Mark: AnwaltKommentar StGB. Der 2.800 Seiten starke Kommentar wird von Thomas Feltes vorgestellt, der seine Rezension beendet mit der Feststellung, dass man nicht erwarten kann, dass ein Polizeibeamter vor jedem Einsatz und vor jedem Ermittlungsverfahren zuerst einen StGB-Kommentar konsultiert. Aber: Lesen bilde, besonders wenn es sich um solche fach- und praxisnahen Kommentare wie den AnwaltKommentar handele.
 
Jürgen Margraf, Wolfgang Maier (Hrsg.): Psychrembel. Psychiatrie. Klinische Psychologie. Psycho-therapie. XXIV, 997 Seiten, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage 2012, De Gruyter Verlag, 978-3-11-026258-2 (ISBN), 44,95 Euro; Pschyrembel Klinisches Wörterbuch, XXIX, 2348 Seiten, 266., neu bearb. Aufl. 2015, De Gruyter Verlag, 978-3-11-033997-0 (ISBN), 49,95 Euro. Beide Bücher werden von Thomas Feltes vor dem Hintergrund der zunehmenden Fälle von polizeilichem Schusswaffengebrauch gegen psychisch gestörte Personen vorgestellt. http://www.polizei-newsletter.de/books_german.php