Polizei : Newsletter Nr. 78, September 2005
 1)   Was funktioniert – ein Überblick aus Groß-Britannien
 2)   Australisch-Asiatisches Zentrum für Polizeiforschung
 3)   Wissen über Kriminalität und Verurteilung führt zu höherer Wertschätzung des Strafjustiz-System
 4)   Evaluierung Europäischer Justizsysteme
 5)   Verbrechen an Senioren
 6)   Forschung “Gewalt gegen Frauen”
 7)   Bewältigung von Anrufen bei der Polizei mit 911/311 Systemen
 8)   Polizeistrategien und Politik in Finnland
 9)   Sexueller Missbrauch im Kindesalter und Gewalt gegen Frauen
10)  Sinkende Kriminalitätsrate dank COPS Zuschüssen?
11)  Erste Studie über Vollzugsakademien herausgegeben
12)  Kriminelle Karrieren
13)  Kriminalpolitik in Europa. Gute Modelle und Erfolg versprechende Beispiele
14)  Soeffner: Das Handlungsrepertoire von Gesellschaften erweitern
15)  Jedes Gesicht ein Verräter?
 
1) Was funktioniert – ein Überblick aus Groß-Britannien
Das britische Innenministerium hat diesen Bericht in Auftrag gegeben, um das Wissen über Machbares bei Besserungsmaßnahmen, die Rückfällen vermeiden sollen, zu aktualisieren. Der Bericht basiert auf Beobachtungen aus den 90er Jahren über die Möglichkeiten, die Kriminalitätsrate zu senken. Vor dem Hintergrund härterer Verurteilungen, steigender Gefängnisbelegung, Zunahme an community sentences, weniger Geldstrafen und das zweifache Ziel von National Offender Management Service (NOMS), Straftäter zu bestrafen und die Rückfallquote zu reduzieren, bietet dieser Report einen Überblick über die beobachtete Auswirkungen von Besserungsmaßnahmen auf die Rückfälligkeit. Der Report identifiziert Faktoren, die mit Straffälligkeit in Verbindung gebracht werden, einschl. Erziehungsproblemen, Arbeitslosigkeit, Wohnsituation, Drogen und Alkohol, psychische Gesundheit und soziale Beziehungen. Die Beobachtungen der Case-Management-Modelle identifizieren Kernprinzipien für ein effektives Straffälligen-Management, um effektive Interventionen bei diesen Problemen zu ermöglichen. Der Überblick schließt mit einer Einschätzung der Beobachtungen und der Forschungsqualität, um auf die bei der Polizei notwendigen Verbesserungen aufmerksam zu machen. Home Office Research Study 291 - The impact of corrections on re-offending: a review of ‘what works’, direct link: http://www.homeoffice.gov.uk/rds/pdfs04/hors291.pdf
 
 
2) Australisch-Asiatisches Zentrum für Polizeiforschung
Das Zentrum führt eine große Bandbreite eigener Forschungen durch. Auf der website sind Projekt- und Forschungsberichte bereit gestellt und nach Sachgebieten durchsuchbar. Ein regelmäßig erscheinendes Bulletin kann abonniert werden. http://www.acpr.gov.au
 
 
3) Wissen über Kriminalität und Verurteilung führt zu höherer Wertschätzung des Strafjustiz-System
Neuere Forschungen haben ergeben, dass das Wissen um Kriminalität und das Strafjustiz-System in der Öffentlichkeit gering ist. Allerdings haben Leute, die besser informiert sind, eine höhere Wertschätzung gegenüber dem System. Frühere Forschungen hatten gezeigt, dass Information sowohl zu mehr Wissen als auch mehr Vertrauen in dieses System führte. Die Schrift des britischen Innenministeriums ‘Catching up with crime and sentencing’, umfasst 20 Seiten, enthält Diagramme und kurze Texte. Es galt als die effektivste, aber billigste Methode der Information und wurde deshalb an eine Untergruppe von 845 Probanden aus der Befragung zum British Crime Survey (BCS) 2002/03. Etwa zwei Wochen später wurden die Befragten zu einem zweiten Interview gebeten, in dem ihnen einige Fragen des BCS-Interviews nochmals gestellt wurden. Ein Viertel der Befragten sagte, dass sich durch die Schrift ihre Meinung geändert habe. Die Schrift verbesserte zwar das Wissen über Gewaltverbrechen und Kriminalitätstrends, aber nicht das Wissen über den Anteil von Einbrechern und Vergewaltigern, die zu sofortigen Haftstrafen verurteilt wurden. On-line Report 64/04 - Public attitudes to the criminal justice system: the impact of providing information to British Crime Survey respondents: http://www.homeoffice.gov.uk/rds/pdfs04/rdsolr6404.pdf
 
 
4) Evaluierung Europäischer Justizsysteme
Die European Commission for the Efficiency of Justice (CEPEJ) (Europäische Kommission für die Effizienz des Justizsystems) hat verschiedene Dokumente im Netz zu ihrer Arbeit bereitgestellt. website: http://www.coe.int/cepej.
 
 
5) Verbrechen an Senioren
"Crimes Against Persons Age 65 or Older, 1993-2002" (4 S.) (NCJ 206154) präsentiert Daten des National Crime Victimization Survey und des Uniform Crime Reports und vergleicht Verbrechen an älteren Menschen ab 65 mit solchen an jüngeren Altersgruppen. Kompletter Text unter: http://www.ojp.usdoj.gov/bjs/abstract/cpa6502.htm
 
 
6) Forschung “Gewalt gegen Frauen”
Im "Compendium of Research on Violence Against Women, 1993-2004" wird die von NIJ unterstützte Forschung über Gewalt gegen Frauen zusammengetragen. Die Beschreibung jedes Projekts beinhaltet die Höhe der Zuschüsse, Projektleiter, Beobachtung durch NIJ, Projektstatus. Schauen Sie von Zeit zu Zeit nach, das Kompendium wird regelmäßig aktualisiert. http://www.ojp.usdoj.gov/nij/vawprog/vaw_portfolio.pdf. Mehr Informationen zum Thema unter  http://www.ojp.usdoj.gov/nij/vawprog/welcome.html Auch interessant: Zahnheilkunde und Gewalt in der Familie. "Family Violence: An Intervention Model for Dental Professionals" (11 S.) (NCJ 204004). Diese Broschüre beschreibt ein Trainingsmodell für Zahnheilkunde-Berufe, mit dem sie Missbrauchssymptome und -muster erkennen lernen, ein sicheres Umfeld zur Aufdeckung schaffen, angemessen intervenieren, Patienten an entsprechende Dienste weiterleiten und die vorgeschriebenen Akten erstellen. http://www.ovc.gov/publications/bulletins/dentalproviders/ncj204004.pdf
 
 
7) Bewältigung von Anrufen bei der Polizei mit 911/311 Systemen
Viele Notrufsysteme (911) werden überlastet mit Anrufen, die keine Notrufe sind. Mitte der 90er Jahre führten einige Bezirke die 311 als Telefonnummer für andere Anrufe ein, um die 911 zu entlasten. Eine NIJ Studie kam nun zu dem Schluss, dass die Notrufsysteme dadurch wesentlich entlasten werden können, wenn zusätzlich eine gute Aufklärungskampagne in der Öffentlichkeit durchgeführt wird. Nach Einführung der 311 erlebte Baltimore im ersten Jahr einen Rückgang von 99 % bei Anrufen der niedrigsten Dringlichkeitsstufe bei 911. Allerdings stellten die Forscher fest, dass solch eine starke Änderung im Anzeigeverhalten der Bevölkerung sorgfältige Planung und organisatorische Veränderungen erfordert. Zwei Berichte zum Thema finden Sie auf der Website des National Institute of Justice: Managing Citizen Calls to the Police With 911/311 Systems Research for Practice (NCJ 206256) http://www.ncjrs.org/pdffiles1/nij/206256.pdf und Calling 311: Guidelines for Policymakers Research for Policy (NCJ 206257) http://www.ncjrs.org/pdffiles1/nij/206257.pdf
 
 
8) Polizeistrategien und Politik in Finnland
2004 beschloss der Senat des Innenministeriums, Finnland bis 2015 zum sichersten Land Europas zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat das Ministerium eine Kampagne an drei Fronten gestartet: Straßensicherheit, Arbeitsplatzsicherheit und häusliche Sicherheit. Mit Blick auf dieses Ziel beginnt die finnische Polizei 2005 eine Reihe von Projekten. Die Schlussberichte werden gegen Ende dieses Jahres im Polizei-Newsletter veröffentlicht. Darüber hinaus gibt es ein paneuropäisches Projekt zum Vernetzen und Sammeln von Informationen zur Bewertung und zum Management von Bedrohungen. Das Hauptanliegen ist, zielgerichtete Gewalt zu vermeiden, hauptsächlich im häuslichen Bereich und auch Stalkingangriffe auf Prominente. Im November fand ein erstes Treffen in Brüssel mit 26 Teilnehmern aus acht europäischen Ländern statt. Für diesen Herbst planen sie das nächste Treffen, und falls es weitere Interessenten aus dem Ausland gibt (mit Erfahrungen, Informationen oder Forschungen) kann der Polizei-Newsletter den Kontakt herstellen. Besonderer Dank an Totti "Mike" Karpela, sergeant, Threat Management Services, Helsinki Police Department
 
 
9) Sexueller Missbrauch im Kindesalter und Gewalt gegen Frauen
“Violence Against Women: Identifying Risk Factors,” ist online auf der Website des National Institute of Justice unter http://www.ojp.usdoj.gov/nij/pubs-sum/197019.htm erhältlich. Diese NIJ-Untersuchung verbindet die Ergebnisse zweier Studien, von denen die eine weibliche und männliche College-Absolventen vier Jahre begleitete und die andere Frauen mit niedrigem Einkommen, hauptsächlich Schwarze, die in ihrer Kindheit Opfer sexuellen Missbrauchs waren. Jede dieser Studien zeigte im Ergebnis, dass sexueller Missbrauch in der Kindheit nur dann ein Risikofaktor ist, wenn die Personen auch als Jugendliche missbraucht werden.
 
 
10) Sinkende Kriminalitätsrate dank COPS Zuschüssen?
"Funding Community Policing to Reduce Crime: Have COPS Grants Made a Difference From 1994 to 2000?" (61 S.) (NCJ 207917) untersucht, wie die Finanzierung durch COPS von 1994 bis 1999 die Rate von Gewaltverbrechen und Eigentumsdelikten in den USA von 1995 bis 2000 beeinflusste. Die Analysen lassen den Schluss zu, dass die innovativen Zuschussprogramme in Beziehung stehen zu dem signifikanten Rückgang der lokalen Kriminalitätsraten bei Gewalt- und Nicht-Gewalt-Verbrechen in Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern. Die multivariate Analyse zeigt, dass in solchen Städten eine Erhöhung der Einstellungszuschüsse um einen Dollar pro Einwohner zu einem Rückgang um 10,95 Gewaltverbrechen und um 27,88 Eigentumsdelikte pro 100.000 Einwohner beiträgt. Ebenso zeigte sich, dass eine Erhöhung der innovativen Zuschussfinanzierung um einen Dollar pro Einwohner zu einem Rückgang um 4,30 Gewaltverbrechen und 10,07 Eigentumsdelikte pro 100.000 Einwohner beitrug. Außerdem hatten die COPS MORE Zuschüsse eine deutliche Auswirkung auf Eigentumsdelikte zwischen 1995 und 2000. Kompletter Text unter: http://www.cops.usdoj.gov/mime/open.pdf?Item=1414
 
 
11) Erste Studie über Vollzugsakademien herausgegeben
"State and Local Law Enforcement Training Academies, 2002" (27 S.) (NCJ 204030), der erste Überblick über Ausbildungsstätten, der jemals von BJS durchgeführt wurde, präsentiert Daten über Personal, Anlage und Ressourcen, Auszubildende und Lehrpläne von Vollzugsakademien in den USA. Kompletter Text unter: http://www.ojp.usdoj.gov/bjs/abstract/slleta02.htm
 
 
12) Kriminelle Karrieren
Insgesamt sieben verschiedene Artikel beschäftigen sich mit der Entwicklung von kriminellen Karrieren, u.a. anhand von in den USA durchgeführten Längsschnittstudien. Dabei geht es um einen Zeitraum von 1985 bis zum Jahre 2000 in New York City, um die sog. Pittsburgh Youth Study, wo ein Geburtsjahrgang im Alter von 11 bis 20 Jahren untersucht wurde und andere vergleichbare Studien. Quelle: Francis, Brian; Fagan, Jeffrey; Piquero, Nicole Leeper; and others. „Criminal careers“. Journal of Contemporary Criminal Justice, 20(2):103-228, 2004.
 
 
13) Kriminalpolitik in Europa. Gute Modelle und Erfolg versprechende Beispiele
Crime Policy in Europe. Good Practices and Promising Examples

Das Criminological Scientific Council des Europarates, ein Gremium, das u.a. kriminalpolitische Vorschläge für den Europarat erstellt, hat bereits im Jahr 2000 ein Buch mit dem Titel „Crime and Criminal Justice in Europe“ zusammengestellt, um über aktuelle Entwicklungen in diesem Bereich in Europa zu informieren. Das jetzt veröffentlichte Buch stellt vor allem kriminalpolitische Projekte vor, die als erfolgreich oder erfolgversprechend bewertet werden. Crime Policy in Europe. Good Practices and Promising Examples Hrsg. von Council of Europe Publishing, Strasbourg 2004, 208 Seiten, 19.- Euro. Bestellung über http://book.coe.int , Fax +33-388413910. Eine ausführliche Besprechung des Buches findet sich auf der Buchbesprechungsseite des PNL unter http://www.polizei-newsletter.de/books_german.php
 
 
14) Soeffner: Das Handlungsrepertoire von Gesellschaften erweitern
Im Gespräch mit Jo Reichertz erläutert der Soziologe und Polizeiforscher Hans-Georg Soeffner die Wurzeln der hermeneutischen Wissenssoziologie als Forschungshaltung und -methode. Sie findet u. a. auch in der sog. „Hermeneutischen Polizeiforschung“, die Soeffner in seiner Zeit als Lehrstuhlinhaber in Hagen mitbegründet hat und die heute von Reichertz fortgeführt wird, ebenso Verwendung, wie zunehmend auch in kriminalistischen Analysen. Soeffner unterstreicht, dass diese Art der Hermeneutik keine Methode im engen Sinne des Wortes ist, sondern vor allem eine Theorie und Methodologie. Der gesamte Interviewtext ist auf http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-04/04-3-29-d.htm nachzulesen und als PDF-Datei verfügbar im Rahmen der Schwerpunktausgabe der Online-Zeitschrift „Forum Qualitative Sozialforschung“ in Form von Interviews mit empirisch arbeitenden Forschern zu ihren jeweiligen qualitativen Forschungsmethoden.
 
 
15) Jedes Gesicht ein Verräter?
"Jedes Gesicht ist ein Verräter oder welchen Wert haben psycho-physiologische Erscheinungen für die Aussagebeurteilung im Strafverfahren?", so lautet ein Sammelwerk, das Joachim Ciupka in der Reihe Beiträge aus dem Fachbereich 3 (Polizeivollzugsdienst) der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin, Berlin 2005, herausgegeben hat. Die Autoren setzen sich in diesem Band auf ca. 110 Seiten ausführlich auseinander mit Vernehmungsmethoden (insbesondere der Polygraphie und der Reid-Methode) sowie der Aussagebewertung (Beurteilung verbaler und nonverbaler Kommunikation).