Polizei : Newsletter Nr. 269, Dezember 2022

 1)   Ethnoreligiöse Brückenköpfe
 2)   US-weite Verbreitung von Alternativen zur Polizei
 3)   Polizeilicher Umgang mit psychischen Beeinträchtigungen
 4)   Dunkelfeldstudie Niedersachsen
 5)   500.000 mehr Polizisten für die USA?
 6)   Heimerziehung, Flucht und Polizei
 7)   Open-Access-Band „Rassismus in der Polizei“
 8)   Mehr als 1,4 Milliarden US-Dollar Schadenersatz für die Verbreitung von Verschwörungstheorien
 9)   Gewalterfahrungen Jugendlicher im Kanton Zürich
10)  Die Polizei als „große Familie“?
11)  Neuer Index der Rechtsstaatlichkeit veröffentlicht
12)  Racial Profiling, Jugendhilfe und Polizei
13)  Cannabis in der Schweizer Volkswirtschaft
14)  Kritik an der Verwendung von Gesichtserkennungssoftware durch die Polizei
15)  Ausstiegs- statt Einstiegsforschung
16)  Telefonberatung statt Hausbesuche erhöht das Vertrauen in die Polizei
 
1) Ethnoreligiöse Brückenköpfe
Unter diesem Stichwort und weiteren („postheroische Handlungseunuchen“, „Selbsterhaltung des Volkes in seiner optimalen Form“) werden neurechte Positionen und ihre Verbreitungsstrategie in den Schriften des Bundespolizei-Professors Stephan Maninger vertreten. In der Studie werden diese Inhalte und deren Verbreitungsstrategien analysiert. Es wird nachgewiesen, dass ethno-pluralistisches, rassistisches Gedankengut darin seit gut 25 Jahren präsent ist. Verfügbar im Volltext und Open Access auf der Homepage des Jahrbuchs Öffentliche Sicherheit (http://www.jbös.de).
 
 
2) US-weite Verbreitung von Alternativen zur Polizei
Mindestens 43 der 50 US-Städte mit den größten Strafverfolgungsbehörden haben unbewaffnete, nichtpolizeiliche Einsatzkräfte, um soziale und gesundheitliche Probleme als Ergänzung zu bewaffneten Polizeieinsätzen zu lösen. 19 Städte sind mit "alternativen Ersthelfern" anstelle der Polizei noch weiter gegangen. Es geht entweder um "Co-Responder"-Programme, um Notrufe im Zusammenhang mit psychologischen Krisen zu bearbeiten oder um echte Alterativen. Einige haben eine spezielle Notrufnummer 311 anstelle von 911 eingerichtet. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=947
 
 
3) Polizeilicher Umgang mit psychischen Beeinträchtigungen
In einem gut einstündigen Film wird die Arbeit der Sondereinheit der Polizei in San Antonio, USA dargestellt, die sich auf den Umgang mit psychisch beeinträchtigten Personen und entsprechende Einsatzsituationen eingestellt hat. Es werden Unterrichtseinheiten gezeigt und Situationen, in denen Menschen, die psychisch gestört sind, von der Polizei erschossen werden (Danke an den anonymen Twitter-Informanten). https://www.youtube.com/watch?v=RydaN6UzKQ0
 
 
4) Dunkelfeldstudie Niedersachsen
Im November wurden die Ergebnisse der vierten Befragungswelle der niedersächsischen „Befragung zu Sicherheit und Kriminalität“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Weitere Informationen und alle bisherigen Berichte finden sich unter https://www.lka.polizei-nds.de/forschung/dunkelfeldstudie/
 
 
5) 500.000 mehr Polizisten für die USA?
Im September 2022 wurde von zwei Harvard-Professoren 500.000 neue Stellen für Polizisten in den USA gefordert, die jährlich 7,8 Millionen Menschen mehr verhaften würden. Die beiden schlugen die größte Ausweitung der Polizei und der Überwachung in der modernen westlichen Geschichte vor. Allerdings offenbart eine genaue Untersuchung dieses Artikels ethische und intellektuelle Mängel. Dis Diskussion ist hier verfügbar: https://thecrimereport.org/2022/11/10/why-more-cops-are-the-last-thing-we-need/
 
 
6) Heimerziehung, Flucht und Polizei
Junge Menschen of Color sind häufiger von Kriminalisierung betroffen. Ein Artikel widmet sich der Frage, wie die Soziale Arbeit im Kontext institutioneller Fremdunterbringung durch die Ubiquität von nationalen Grenzen und durch Polizeipraktiken gerahmt wird. Es wird empirisch gezeigt, dass Racial Profiling sich über ritualhafte Wiederholungen manifestiert. Der formale Charakter der sog. gefährlichen, als kriminogen klassifizierten Orte wird über informelle Polizeipraktiken auf Organisationen der Jugendhilfe übertragen. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=948
 
 
7) Open-Access-Band „Rassismus in der Polizei“
In dem frei zugänglichen Band mit 33 Beiträgen auf 750 Seiten leuchten 45 Experten das Themenfeld umfassend aus. https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-37133-3 
 
 
8) Mehr als 1,4 Milliarden US-Dollar Schadenersatz für die Verbreitung von Verschwörungstheorien
Der Moderator der Sendung „Infowars“ und sein Unternehmen wurden im November in den USA verurteilt, weitere 473 Millionen Dollar für die Verbreitung falscher Verschwörungstheorien über das Sandy-Hook-Schulmassaker zu zahlen. Damit beläuft sich das Gesamturteil gegen ihn in einer von den Familien der Opfer eingereichten Klage auf 1,44 Milliarden Dollar. Jones hatte seinen Millionen Anhängern wiederholt erklärt, das Massaker, bei dem 20 Erstklässler und sechs Lehrer getötet wurden, sei von "Krisendarstellern" inszeniert worden, um mehr Waffenkontrolle durchzusetzen. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=949
 
 
9) Gewalterfahrungen Jugendlicher im Kanton Zürich
Nachdem die Studie 2014 eine gegenüber niedrigere Jugendgewalt im Kanton Zürich ausgewiesen hatte, liegen die Zahlen der aktuellen Studie von 2021 wieder höher. Die Studie wurde mit 4400 Jugendlichen im Alter von 13 bis 19 Jahren von Mai bis Juli 2021 realisiert. Die Zunahme der Jugendgewalt zeigt sich in den meisten untersuchten Gewaltformen. Die Detailanalysen zu den Opfererfahrungen von Jugendlichen zeigen eine Verlagerung der Gewalt in den öffentlichen Raum. Angestiegen sind auch rassistisch oder religiös motivierte Gewalttätigkeiten sowie Konflikte zwischen Gruppen. Dementsprechend geben Jugendliche ein erhöhtes Unsicherheitsgefühl an. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=950
 
 
10) Die Polizei als „große Familie“?
Ein Beitrag diskutiert Diversitätsnarrative in zwei Schweizer Polizeikorps. Polizisten glätten in biografisch-narrativen Interviews Diversität durch Neutralisierung, Externalisierung und Dosierung von Differenzen. Thematisierungen von eigenen Differenzen und -erfahrungen stehen aus polizeilicher Sicht im Widerspruch mit dem organisationalen Narrativ «Polizei als Familie». Letzteres trägt zu einer homogenisierende und gemeinschaftsorientierte Korpskultur bei. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=951
 
 
11) Neuer Index der Rechtsstaatlichkeit veröffentlicht
Der „Rule of Law-Index” 2022 ist erschienen. Er enthält Angaben zu 140 Ländern. Danach hat die Rechtsstaatlichkeit weltweit im fünften Jahr in Folge abgenommen, darunter auch in Deutschland, das aber insgesamt auf Platz 6 aller Länder rangiert, im Bereich Sicherheit und Ordnung jedoch nur auf Rang 22. http://worldjusticeproject.org/rule-of-law-index/
 
 
12) Racial Profiling, Jugendhilfe und Polizei
Die Autoren stellen die Folgen von Racial Profiling in der Jugendhilfe dar und welche Auswirkungen dies auf Vertrauen in die Polizei und generell auf das Bild der Polizei hat. Racial Profiling in der Jugendhilfe führt dazu, dass Misstrauen und Distanz zwischen der Polizei, Mitarbeitenden in der Jugendhilfe, sowie Klienten der Jugendhilfe befeuert werden. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=952
 
 
13) Cannabis in der Schweizer Volkswirtschaft
Mit ökonomischen Effekten aktueller und alternativer Regulierung beschäftigt sich ein Beitrag aus der Schweiz. Der Autor analysiert, welche volkswirtschaftlichen Effekte durch Cannabis in der Schweiz unter der aktuell geltenden Regulierung ausgelöst werden. Darauf aufbauend werden – basierend auf den Erfahrungen anderer Länder - alternative Regulierungsszenarien konstruiert und die damit verbundenen ökonomischen Wirkmechanismen und deren Grössenordnung untersucht. Open Access http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=953
 
 
14) Kritik an der Verwendung von Gesichtserkennungssoftware durch die Polizei
Der britischen Polizei wird vorgeworfen, mit dem Einsatz von Live-Gesichtserkennungstechnologie zur Verbrechensbekämpfung gegen ethische Standards zu verstoßen. Ein aktueller Bericht der Universität Cambridge über die Erprobung der Technologie fordert ein umfassendes Verbot des Einsatzes dieser Technologie durch die Polizei. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=954
 
 
15) Ausstiegs- statt Einstiegsforschung
Ein Sonderheft des Kriminologischen Journals befasst sich mit der Desistance-Forschung, d.h. der Forschung zum Ausstieg aus der Kriminalität. Die Beiträge sind online verfügbar unter http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=955
 
 
16) Telefonberatung statt Hausbesuche erhöht das Vertrauen in die Polizei
Während der Pandemie stieg die Zahl der Anrufe bei der Polizei zumindest in den USA erheblich. Die Überlastung führte zu Frustration und Unzufriedenheit der Bürger mit der Polizei. Eine Studie aus GB zeigt nun, dass das Problem durch Telekommunikation angegangen werden kann. In einer randomisierten Kontrollstudie stellten die Autoren fest, dass viele Notrufe auch am Telefon erledigt werden können. Die Polizei kann (a) mehr Zeit mit den Notrufteilnehmern verbringen und ihnen rechtzeitig Ratschläge und Überweisungen an Partnerbehörden anbieten, als wenn sie persönlich zu ihnen fahren würde, (b) aus der Sicht der Notrufteilnehmer zufriedenstellende Dienstleistungen anbieten und (c) eine kosteneffiziente und weniger arbeitsintensive Reaktion bieten. Bemerkenswert ist, dass diese Maßnahme das Vertrauen der Notrufteilnehmer in die Polizei im Vergleich zu denjenigen, die ein persönliches Treffen mit der Polizei hatten, erhöht hat, und zwar unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit einer Person. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=956