Lady Bag – Liza Cody

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Cody, Liza
; Lady Bag;
Ariadne Kriminalroman 1222, Argument-Verlag Hamburg 2013, ISBN 978-3-86754-222-7, 17.- €

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Als „Scripted Reality“ werden neuerdings Sendungen vornehmlich der privaten Fernsehsender bezeichnet, in denen die Dokumentation realer Ereignisse vorgetäuscht wird.[1] Bei dem hier vorgestellten Buch (das im Übrigen wunderschön aufgemacht ist, mit festem Umschlag und Lesebändchen) handelt es sich auch um „scripted reality“, aber um solche, die sich zu lesen lohnt!

Es ist die Geschichte einer Frau, die auf der Straße landet und dann in einen Strudel von Abenteuern gerät. In Konflikte mit anderen Obdachlosen, mit der Polizei, mit Freunden und Freudinnen und nicht zuletzt mit sich selbst. Vom Verlag wohl nicht ganz zutreffend als „Irre alte Schrulle mit Hund“ angekündigt, ist sie in dem Roman tatsächlich „die Frau ohne Gesicht“ – aber alles andere als „irre“. Aber vielleicht hat der Verlag ja auch unser Bild gemeint, das wir gemeinhin von solchen Menschen haben – dazu aber später mehr.

Die Story: Eines Abends läuft der Protagonistin des Romans in der Londoner Innenstadt der Teufel über den Weg, der natürlich (sonst wäre es kein Krimi), ein leibhaftiger (konkret: ihr Ex) ist. Statt sich zu verstecken, beschließt sie ihn zu beschatten. Eine Entscheidung, die schwerwiegende Folgen hat – für sie, aber auch für den Leser, der in den Strudel der Ereignisse gezogen wird und (wenn er London kennt) fast körperlich dabei ist, wenn Lady Bag ihre Exkursionen (und Exzesse) beschreibt. Die Geschichte ist zornig, schlau, verkorkst, tragisch, witzig und (soweit dies in einem Roman möglich ist) ehrlich geschrieben. Die rotweingetränkte, aber (dadurch?) glasklare Schilderung der Bag Lady ist ein wilder, temporeicher Kriminalroman und ein literarischer Kommentar zur Lage unserer Gesellschaft. Ein Kriminalroman, ein gestochen scharfes Großstadtporträt und ein Gegenwartsdrama mit realsatirischen Momenten – wie der Verlag schreibt.

Wenn die Verlegerin (auf der Website, s. am Ende) bemerkt, dass „auf ihnen … der Blick nicht so gern (verweilt): Die Deckenbündel in Hauseingängen und windgeschützten Ecken sind Teil des Stadtbilds wie die kauernden Gestalten an den Konsumtempeln. Bettler. Penner. Bagladys. Hässlich und bedürftig, stören sie vielleicht den unbeschwerten Einkaufsbummel, dämpfen die Glücksversprechen der lockenden Schaufenster. Verkörpern sie doch die Kehrseite des Wohlstands …“, dann trifft dies genau die Realität, und genau das ist eben keine „Doku-Soap“ wie im Fernsehen, sondern knallhart erzählt, dennoch witzig, immer aber mitreißend.

Liza Cody, Londoner Schriftstellerin mit (tatsächlich!) eigener Gossenerfahrung, verleiht der namenlosen Pennerin eine Stimme. Es ist eine schonungslos offenherzige, komische, weinselige Erzählstimme, der man gebannt durch die verregneten Straßen folgt, tief hinein in den Schlund von London und in die Wirren eines geheimnisvollen Komplotts. Dabei war diese abgeklärte Lady Bag (ebenso wie alle anderen Bag Ladies) nicht immer eine Bag Lady. Eine ganz normale Frau geriet in die älteste (Männer) Falle der Welt und wurde ruiniert. Wer aber jetzt denkt, dass es sich hier um einen feministisch-kämpferischen Emanzipationsroman handelt, der wird enttäuscht. Leider ist das Leben kein Zuckerschlecken (von der Form von Emanzipation, die EMMA will, kann Lady Bag nur träumen (aber ob sie das wollen würde, mag ich bezweifeln…), schon gar nicht für diejenigen, die auf der Straße leben – zuerst müssen, dann wollen und zum Schluss nicht mehr anders können. „Emanzipation“ heißt dort eben zu allererst (und oftmals auch zu allerletzt): Überleben.

„Freiwillig obdachlos“ – als Erlösung? Lady Bag beschreibt, warum das so ist: „Du bist ganz unten angekommen. Es gibt kein weiteres Fallen. Du kannst endlich aufhören, krampfhaft um den Wiedereintritt in die Gesellschaft zu kämpfen, und dich ganz aufs Überleben konzentrieren“ (S. 13).

Sätze wie „Hass ist Liebe mit Maden, die ihr bei lebendigem Leib das Fleisch von den Knochen fressen“ (S. 11) oder „Saufen ist verlässlich: Es hält mich warm, es hilft mir zu schlafen, es gibt mir den Schmackes, den ich brauche, um einen weiteren tag durchzustehen, ohne von der Brücke springen zu müssen“ (S. 187) sind so authentisch, dass man glaubt, eine Doktorarbeit zum Problem der Obdachlosigkeit zu lesen, für die der/die DoktorandIn Obdachlose interviewt hat. Sicherlich gibt es solche Arbeiten, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass sie sich ebenso spannend lesen, ebenso viele Erkenntnisse und bleibende (!) Eindrücke vermitteln und gleichzeitig auch noch beim Lesen Spaß (und betroffen!) machen wie dieses Buch … Wenn die/der geneigte LeserIn dieser Besprechung das Gegenteil beweisen kann, spendiere ich ihr/ihm gerne eine Flasche von dem algerischen Roten, den Lady Bag immer trinkt…

Auch kriminologische Einsichten finden sich übrigens. Zwei Beispiele: „Eine Bank toleriert Diebstahl erst ab dem Rang des Direktors“ (S. 217) und: „Warum können die Leute nicht einsehen, dass man gestört und intelligent sein kann? Gestört zu sein macht dich nicht dumm, außer du warst es vorher schon“ (S. 273).

Wer sich nicht schon vor der Lektüre des Romans für das Thema interessiert hat, der wird es danach auf jeden Fall tun, und dem werden am Ende des Buches (und auf Website des Verlages) auch einige links zur Vertiefung geliefert: http://argument.de/belle_index_reload.html?ak/1222.html

Auf einen link soll besonders hingewiesen werden (auch, weil der auf der Verlagsseite angegebene Link nicht mehr stimmt): https://500px.com/keithchastain/galleries/from_the_street_ Keith Chatain´s Bilder „from the Street“.

Vielleicht ist das ja Lady Bag: https://500px.com/photo/14189137/stooped-by-keith-chastain?ctx_page=2&from=gallery&galleryPath=19752249&user_id=266623

Obwohl: Die Vorstellung ist der Realität immer einen Schritt voraus…

[1] Kritisch zu dem Format: http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2011/Wie-wirkt-Scripted-Reality,luegenfernsehen131.html

Rezensiert von: Thomas Feltes

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