Thomas S. Eberle – Fotografie und Gesellschaft – Phänomenologische und wissenssoziologische Perspektiven

Eberle, Thomas S.; Fotografie und Gesellschaft – Phänomenologische und wissenssoziologische Perspektiven; Transcript-Verlag Bielefeld, 2017, 456 Seiten, Hardcover, zahlr. z.T. farb. Abb., ISBN 978-3-8376-2861-6, 29,99 Euro

Der Autor, emeritierter Professor an der Universität St. Gallen in der Schweiz[1], ist ein renommierter Soziologe und vor allem für seine Arbeiten zur qualitativen Sozialforschung bekannt. Das nun von ihm herausgegebene Buch setzt genau hier an: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – so ein Sprichwort[2]. Die Aussagekraft, die ein Bild haben kann, lässt sich an einer Vielzahl von Beispielen belegen. In Aufbau- und Installationsanleitungen finden sich Bilder, um die beschriebenen Handlungen zu verdeutlichen – manchmal inzwischen auch nur Bilder, was dann aber manchen verzweifeln lässt. Werbung setzt oft in erster Linie auf die Wirkung einer grafischen Darstellung und erst in zweiter Linie auf einen zusätzlichen Text – ebenso Wahlplakate, wie man im Vorfeld von Wahlen immer wieder sehen kann. Nicht zuletzt wären viele Fachartikel, Zeitungsbeiträge oder Unternehmensinformationen wesentlich schwieriger (oder auch falsch) zu verstehen ohne ergänzende Grafiken.

Thema dieses Buchs sind – so der Herausgeber – „die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie im Alltagsleben, in der sozialwissenschaftlichen Forschung als auch in der Kunst“. Das klingt auf den ersten Blick (!) eher trocken. Das Buch selbst ist aber alles andere als dies. Es ist lebhaft, bildhaft, es spricht mit dem Leser auch und gerade über Bilder.

Fotografie blieb in den Sozialwissenschaften bislang ein eher unterbelichtetes (!) Thema (erstaunlich, wie oft wir bildhafte Ausdrücke in unserer Sprache verwenden), obwohl ihre Bedeutung in der Gegenwartsgesellschaft rasant zugenommen hat. Der Band enthält Analysen nicht nur der (bewussten und unbewussten) Bildinterpretation, sondern auch der fotografischen Handlung selbst sowie der Auseinandersetzung mit Fotos. Die Beiträge über die Fotopraxis von Laien und Professionellen, den Übergang von der analogen zur digitalen Fotografie, das Fotografieren mittels Smartphone und Foto-Apps, die Gebrauchsweisen von Fotografie im Alltag und in den Medien sowie die Besonderheiten der Bildkommunikation und -interpretation wenden sich nicht nur an Sozial-, Medien- und Kulturwissenschaftler, sondern an alle, die sich – so der Verlag „für Fotografie interessieren“. Dabei ist diese Selbstbeschränkung eigentlich falsch, denn der Band geht deutlich weiter: er ist eben gerade nicht auf diejenigen beschränkt, die sich für „Fotografie interessieren“ – weil er darüber hinausgehend allgemein das bildliche Sehen und Interpretieren thematisiert. Damit aber wird er praktisch für alle Wissenschaftsdisziplinen relevant, denn ohne Sehen kommt keine Wissenschaftsdisziplin mehr aus, wobei „Sehen“ auch beschreibendes Sehen bedeuten kann z.B. bei Menschen, die „Sehbehindert“ sind – was aber nicht bedeutet, dass diese Menschen nicht sehen, nur eben anders.

Der Herausgeber selbst stellt das Buch zu Beginn (S. 11 ff., „Fotografie und Gesellschaft) in den theoretischen wie praktischen Rahmen und macht deutlich, in welch unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen (und Methoden) Bilder eine wichtige Rolle spielen. Beim Lesen dieses Beitrages wird bewusst, welche große Rolle Bilder auch und gerade in der Wissenschaft spielen – aber auch, dass sie eigentlich noch viel häufiger eingesetzt werden müssten. Gerade in einer Zeit, die gleichermaßen schnelllebig wie visuell geprägt ist, kann man natürlich darüber diskutieren, ob Wissenschaft diese Entwicklung mitmachen muss. Spätestens aber dann, wenn man wissenschaftliche Lehre betreibt, kommt man um Bilder, Abbildungen und Filme nicht mehr herum. Ein Bild sagt eben mehr als tausend Worte – auch und gerade in einer Vorlesung, und visuelle Eindrücke bleiben deutlich länger im Gedächtnis als Gehörtes (und selbst als Gelesenes). Beim Hören behält man 20 Prozent, beim Sehen 30 Prozent, wenn man den Lernstoff sieht und hört 50 Prozent[3].

Die Kunst des Lehrend in der heutigen Zeit besteht darin, die Kombination von („vorgelesenem“) Lehrinhalt und (gezeigtem) Bild/Video so zu wählen, dass einerseits die Spannungskurve bei den Studierenden hoch gehalten wird und andererseits die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Vorlesung nicht zum Randthema verkommt. Das Buch kann durchaus dabei helfen, diese Gratwanderung zu gewinnen, und es lohnt daher die Lektüre – auch wenn es dafür wohl primär nicht gedacht war.

Sehen als kommunikatives Handeln und die Fotografie – so lautet der Beitrag von Hubert Knoblauch in dem Band (S. 367 ff.), in dem der Autor beschreibt, dass und wie unser Handeln das Sehen des Anderen voraussetzt. Hier finden sich durchaus Übertragungsmöglichkeiten in einen Bereich, der in dem Buch (fast) keine Rolle spielt: den der Kriminalität und der Kriminologie. Was Täter „sehen“ und interpretieren kann ebenso zum Verständnis der (Gewalt-)Tat wichtig sein wie die Frage, was der Ermittler sieht, wenn er zum Tatort kommt (oder was er eben nicht sieht). Die bildlichen Möglichkeiten der Rekonstruktion von Unfällen und Tatorten machen auch hier deutlich, dass Fotografie aus dem Leben (fast) aller Berufe nicht mehr hinwegzudenken ist. Vernehmungen, die richtig ausgezeichnet werden müssen, sollen sie tatsächlich Aussagen über den Inhalt der Vernehmung und die (psychologische Verfasstheit der) Person beinhalten, sind ein weiteres Beispiel. Es genügt eben nicht, eine Kamera hinzustellen und einzuschalten. Auch deshalb gehört dieses Buch in jede Bibliothek einer Polizeihochschule.

Andere Beiträge beschäftigen sich mit der „Wahrheit der Bilder“ (S. 305 ff.) – einem Aspekt, der unmittelbar nach der Amtseinführung von Trump in den USA beim Streit darüber, wer mehr Besucher bei der Einführung hatte (Obama oder Trump) eine Rolle spielte und der in Zeiten der digitalen Bildmanipulation immer größere Bedeutung bekommt. Bilder konstruieren Wirklichkeiten, wobei der Diskurs darüber auf Sprache angewiesen bleibe (S. 305) – was aber nicht bedeutet, dass Bilder auch ohne Sprache und ohne Diskurs individuelle Wirklichkeiten bleibend konstruieren oder beeinflussen können. Auch „Selfies“ (S. 343 ff.) werden thematisiert, ebenso wie „Hermeneutik und Wahrnehmung“ (in einem Beitrag von Hans-Georg Soeffner, S. 269 ff.).

Noch nie wurde so viel fotografiert wie heute: Pro Sekunde werden weltweit über 20.000 Bilder ins Internet geladen, also fast zwei Milliarden pro Tag, Tendenz steigend[4]. Die – wie Eberle sie nennt „sozialen Gebrauchsweisen“ der Fotografie (er meint damit die Frage, wie und warum wir fotografieren und wofür wir die Ergebnisse verwenden) haben sich seit der „digitalen Revolution“ enorm verändert. Auch wenn es inzwischen Apps gibt, die Bilder automatisch nach einer gewissen (kurzen) Zeit löschen: Das Bild bleibt in der Erinnerung haften und mit der Person verbunden, bewusst oder unbewusst.

Dass damit auch der Zusammenhang von Fotografie und Gesellschaft noch mehr als früher in den Vordergrund rücken müsste, wird erst langsam erkannt – zu langsam, denn noch immer wird bei (auch kriminologischen) Forschungen fast ausschließlich auf Sprache und Worte vertraut, obwohl vieles viel einfacher mit Bildern darzustellen wäre – denkt man nur einmal an die geografische Kriminalitätsanalyse, die mit Bildern von Sozialräumen viel anschaulicher (und verständlicher) wird als ohne. Und auch die Analyse von Handlungen (und Personen) kommt zunehmend in den wissenschaftlichen Fokus – wenn z.B. amerikanische Forscher versuchen, anhand von Bewegungsmustern „gefährliche Personen“ zu erkennen oder anhand von Gesichtsbildern auf den Gemütszustand (und ggf. die Absichten) einer Person schließen können.

Es gibt, auch darauf weist der Herausgeber hin, viele Bücher über Fotografie, doch nur wenige beleuchten den gesellschaftlichen Kontext und die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie. Thematisch unterscheidet sich das vorliegende Buch daher deutlich von den mannigfaltigen Publikationen über Fotojournalismus oder Fotografie als Kunst. Es werden gesellschaftliche Kontexte von Fotos und fotografischer Praxis im Alltagsleben, in der sozialwissenschaftlichen Forschung sowie in der Kunst untersucht.

Dabei steckt die „Visuelle Soziologie“ – so Eberle – (leider) noch in den Kinderschuhen. „Ihre Entwicklung während der letzten Dekade wurde im deutschsprachigen Raum vor allem von den in diesem Buch versammelten phänomenologischen und wissenssoziologischen Ansätzen getragen. Deren Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie alle dem interpretativen Paradigma verpflichtet sind und sich von den semiotischen Ansätzen, die in den Medienwissenschaften oft anzutreffen sind, unterscheiden und diese fruchtbar erweitern“.

Insgesamt ein Buch, das zwar soziologisch daherkommt, aber auch dem Nicht-Soziologen viele (visuelle und gedankliche) Einsichten eröffnet – und das zum Glück auch ansprechend optisch verarbeitet ist und am Ende sogar noch einige ganzseitige Bilder zum Nachdenken hinterlässt.

Lesens- und kaufenswert!

[1] https://www.alexandria.unisg.ch/Personen/Thomas_Eberle

[2] Die genauen Ursprünge der deutschen Version sind unklar, belegt ist allerdings die englische Variante: „One picture is worth a thousand words“ stand erstmals im Dezember 1921 in der Fachzeitschrift „Printer’s Ink“ in einer Anzeige von Fred R. Bernard.

[3] Das kann natürlich noch optimiert werden: Wenn man den Lehrinhalt sieht, hört und darüber spricht sind es 70 Prozent und wenn man ihn sieht, hört, darüber spricht und selbst aktiv wird, sogar 90 Prozent. Eigentlich ergibt sich daraus automatisch die richtige Didaktik. Warum also gibt es noch immer „Vorlesungen“? Es sollte Vorführungen mit anschl. eigenen Übungen geben.

[4] http://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-2861-6/fotografie-und-gesellschaft

Rezensiert von: Thomas Feltes

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