The SAGE Handbook of Global Policing – Ben Bradford, Beatrice Jauregui, Ian Loader, Jonny Steinberg (Hrsg.) – Rezensiert von: Thomas Feltes

Bradford, Ben; Jauregui, Beatrice; Loader, Ian; Steinberg, Jonny (Hrsg.); The SAGE Handbook of Global Policing; 654 Seiten, Los Angeles, London u.a., SAGE Publications Ltd, 2016, ISBN 9781473906426, ca. 175.- Euro

Das Handbuch mit dem auf den ersten Blick eindeutigen, bei näherem Nachdenken aber etwas verwirrenden Titel “Global Policing” hat sich zur Aufgabe gemacht, eine Zusammenstellung der sozialwissenschaftlich orientierten Forschung zum „policing“[1] zu liefern, und zwar mit weltweiten Beispielen. Es geht also nicht – zumindest nicht primär – um Aspekte oder Probleme des weltweiten Polizierens – zum Beispiel iVm Cybercrime oder Organisierter Kriminalität. Und es geht auch nicht um „studies for policing“, sondern um „studies of policing“ (S. 8), also nicht um Forschung für die Polizei, sondern über die Polizei.

Die Herausgeber wollen die aktuellen Entwicklungen, aber auch die Geschichte der gerade einmal ein halbes Jahrhundert alte wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen des policing herausarbeiten. Gleich zu Beginn weisen sie darauf hin, dass diese Forschung vom anglo-amerikanischen Raum dominiert wird – was stimmt, aber nicht rechtfertigt, dass in dem ganzen Buch nicht nur kein einziger deutscher Wissenschaftler zu Wort kommt, sondern auch die Beiträge (wie, so mag man sagen, leider fast üblich) ohne Berücksichtigung der durchaus auch hierzuladen und anderenorts in Europa stattfindenden Forschungen zum Thema verfasst sind.

Dennoch kann es sich lohnen, die in dem Buch enthaltenen Beiträge zum sozialen, kulturellen und politischen Hintergrund, vor dem sich Polizeiarbeit abspielt und strukturiert, zu lesen. Denn Polizeiarbeit erfolgt nicht nur vor diesen Hintergründen, sondern sie strukturiert sie selbst: Polizei formt den sozialen Hintergrund, vor dem sich unsere Gesellschaft entwickelt. Es ist genau dieser Ansatz, der das Buch so wichtig macht: Die in fast allen Beiträgen vermittelte (und belegte) Einsicht, dass Polizeiarbeit „Wirkung“ hat, dass sie Gesellschaft verändert und beeinflusst – und leider nicht immer nur positiv, sondern (und darüber mag man streiten) (zu) oft auch zum Schlechten hin. In diesem Zusammenhang spielt dann auch die Frage nach der Effektivität polizeilichen Handelns eine wichtige Rolle. Diese Frage, die bspw. in Deutschland fast ausschließlich im Fokus von polizeiinterner Forschung steht, muss konterkariert werden durch die Frage, welche Risiken und Nebenwirkungen Polizeiarbeit hat, haben kann und vielleicht sogar haben muss – ungeachtet der Frage, ob sie „effektiv“ ist oder nicht.

Die polizeiwissenschaftliche Literatur, darauf weisen die Herausgeber im Einleitungskapitel hin, identifiziert und beschäftigt sich zu oft mit Bäumen, was es schwermacht, den Wald zu sehen (und zu analysieren). Aber genau darum muss es bei einer sozialwissenschaftlich orientierten Polizeiforschung gehen, um „das große Ganze“, um die Wechselwirkungen von Polizei und Gesellschaft. Aktuell kann man dies bspw. an dem NSU-Verfahren und den dort gescheiterten (oder fehlerhaften) polizeilichen Ermittlungen festmachen, aber auch an dem Thema Umgang der Polizei mit psychisch kranken Personen (8 von 10 durch Polizeischüsse getöteten Personen sind psychisch krank oder gestört) und an dem (leider immer wieder aktuellen) Thema der exzessiven Polizeigewalt (Bsp. Oury Jalloh).

Die Herausgeber kritisieren auch die Tatsache, dass sich Polizeiwissenschaft zu selten mit den politischen und kulturellen Brüchen innerhalb der Polizei und den damit Zusammenhängenden Fragen von Ungleichbehandlung aufgrund von Klasse, Geschlecht und Rasse beschäftigt. Eine Kritik, die durchaus auch auf Deutschland bezogen werden kann, denn „racial profiling“ ist zwar ein englisches Wort, als Phänomen aber auch in Deutschland bekannt. Tobias Singelnstein und Kollegen werden sich diesem Thema demnächst annehmen[2].

Der globale Blick, den dieses Handbuch will und liefert, soll Polizieren als „transversalen Gegenstand“ (S. 4) sehen. Dadurch soll es möglich sein, Vergleiche zu ziehen, Dinge vergleichend (besser) zu verstehen und gleichzeitig Gemeinsamkeiten zu erkennen (z.B. vor dem Hintergrund des europäischen Kolonialismus und Imperialismus, aaO.). Das Buch will aber auch demonstrieren, warum „global policing matters“ (S. 5) und warum es wichtig ist, sich auf diese Art und Weise mit Polizeiarbeit zu beschäftigen.

Die Herausgeber woollen, dass „policing studies first, and perhaps most importantly, to become more intellectually global“. Dieser feine, aber deutliche Vorwurf an die akademische Zunft soll klarmachen, dass die Polizei tatsächlich schon global aufgestellt ist und arbeitet – mit welchem Erfolg, sei hier dahingestellt – dass aber die akademische Beschäftigung damit noch rudimentär ist. Umso wichtiger wäre es dann doch wohl gewesen, über den anglo-amerikanischen Tellerrand hinauszuschauen. Das aber wird leider nicht gemacht. Schade. So bleibt ein Buch, das den Anspruch des Verlages sicherlich erfüllt der da lautet: “The SAGE Handbook of Global Policing examines and critically retraces the field of policing studies by posing and exploring a series of fundamental questions to do with the concept and institutions of policing and their relation to social and political life in today’s globalized world.” Vergessen wurde leider zu sagen, dass sich dies auf den Bereich bezieht, der noch immer glaubt, der Nabel der Welt zu sein. Dabei haben China, Afrika und in Teilen Europa (demnächst dann ohne den „Anglo-Bereich“ Großbritannien) die USA längst abgehängt oder sind dabei es zu tun. Auch und gerade das müsste die Polizeiwissenschaft (besonders die sog. „kritische“) thematisieren.

Er sehen will, wie die Kapitel aufgebaut sind, findet hier die Gliederung[3]. Und ein Beispielkapitel zu “Police, Crime and Order: The Case of Stop and Search” von Ben Bradford und Ian Loader steht auch zum download zur Verfügung[4].

[1] Zum Begriff vgl. Reichertz, Jo; Feltes, Thomas: Polizieren und Polizeiwissenschaft. In: Policing Diversity : über den Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt innerhalb und außerhalb der Polizei, hrsg. Von Schmidt, Benjamin u.a., Frankfurt a. Main 2015 (Schriftenreihe Polizieren: Polizei, Wissenschaft und Gesellschaft ; 8), S. 9 – 31. Im Buch selbst wird Polizieren wie folgt definiert: „Policing denotes the general governance of people and things“, S. 4)

[2] http://www.kriminologie2.rub.de/index.php/de/forschung/kvimamt

[3] https://in.sagepub.com/en-in/sas/The-SAGE-Handbook-of-Global-Policing/book243543#contents

[4] https://uk.sagepub.com/sites/default/files/upm-binaries/76037_Bradford_HB_of_Global_Policing_Ch15_1PP.pdf

Rezensiert von: Thomas Feltes

Schreibe einen Kommentar