»Wir wollten ins Verderben rennen« Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg – Christian Pross – Rezensiert von: Thomas Feltes

Pross, Christian unter Mitarbeit von Schweitzer, Sonja und Wagner, Julia; »Wir wollten ins Verderben rennen« Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg; Psychiatrie-Verlag Köln 2016, 501 S., ISBN 978-3-88414-672-9, 39,95 Euro

Sozialismus ist out. Das „Sozialistische Patientenkollektiv“ (SPK) ist Geschichte. Warum darüber noch reden oder schreiben? Klaus Dörner (s. die Besprechung seines Lehrbuches hier: http://polizei-newsletter.de/wordpress/?p=840) schreibt dazu auf der Verlagswebsite[1] folgendes: „Zumeist regt sich das öffentliche Interesse am SPK als angebliche terroristische Kaderschmiede nur anlässlich der Jahrestage von Anschlägen der RAF. Anders als die sensationslustigen Gräuelgeschichten von den »Irren am Gewehr« möchte dieses Buch dazu beitragen, sich ernsthaft mit dem SPK auseinanderzusetzen als einem komplexen, dramatischen und erinnerungswürdigen Stück Zeit- und Psychiatriegeschichte und Geschichte der 68er-Bewegung.“

Und weiter: „Nachdem früher schon so viel über das SPK geschrieben worden ist, dass man meinen könnte, die Akten seien geschlossen, kommt nun Christian Pross mit diesem Werk, das ein Lehrstück dafür sein könnte, dass wir der historischen Wahrheit am nächsten kommen, wenn wir auf einen hinreichend großen zeitlichen Abstand zum Gegenstand – also hier der Psychiatriereform – achten. Zum anderen, wenn wir von einer hinreichend extremen, verrückten Perspektive aus schreiben, da es hier ja um die Vollständigkeit der Wahrnehmung geht. Die SPK-Nacherzählung von Christian Pross ist auch deshalb so glaubwürdig, weil sie nicht nur vom negativen wie positiven Potential der wohl schwierigsten Phase der Psychiatriereform ausgeht, sondern auch einen Ausblick auf die künftigen Reformphasen erlaubt.“

Und genau das ist es, was das Buch spannend und wichtig macht: Es erlaubt eine bessere Einschätzung dessen, was wir unter „Psychiatrie“ und „psychischer Krankheit“ verstehen, verstehen wollen und zukünftig verstehen müssen. Die Idee, die bis in die 1960er Jahre (und damit bis zur Entstehung des SPK) unser Verständnis von Psychiatrie geprägt hat war die des Kategorisierens und des Wegsperrens. Erst allmählich haben wir erkannt, dass nicht nur viel zu oft weggesperrt und der Schlüssel weggeworfen wird (und oftmals ohne wirklichen Grund), sondern dass es unnötig ist und es Möglichkeiten gibt, es zu vermeiden.

Im Mai 2015 hatten wir im Polizei-Newsletter eine Meldung gebracht, die überschrieben war mit: „Abschaffung der geschlossenen Psychiatrie in Italien“ und darauf verwies, dass, nachdem in Triest die geschlossene Unterbringung in psychiatrischen Krankenhäusern abgeschafft wurde, dies in ganz Italien geschehen soll[2]. Bewegt sich also etwas? Wenn das so sein sollte, dann ist es umso wichtiger, sich mit Erfolgen und Misserfolgen der Psychiatriereform auch und besonders in Deutschland zu beschäftigen. Wenn nicht (wofür auch einiges spricht), dann ist es umso wichtiger, sich immer wieder mit dem Thema zu beschäftigen.

Zudem lässt sich das Buch gut und anregend lesen. Schon die Einleitung zum Buch liest sich eher wie ein Krimi, als wie ein trockener Forschungsbericht. Wer die 68er nicht selbst miterlebt hat, sollte sie lesen, und wer sie gelesen hat, liest mit Sicherheit auch weiter im Buch. Für denjenigen, der die RAF-Zeit bewusst miterlebt hat, ist das Buch eine Art Déjà-vu-Erlebnis der besonderen Art, denn es beschreibt (auch) die Beziehungsgeflechte zwischen den RAF-Mitgliedern, deren Umfeld und dem SPK (Kap. 11, S. 347 ff.) und macht deutlich, wie zufällig es damals war, ob und wie man in den „Dunstkreis“ des Terrorismus geriet. Vor allem aber macht das Buch den Zeitgeist deutlich (vor allem im Kap. 6, S. 135 ff., aber auch durchgängig), der damals herrschte und der vieles, was von heute aus betrachtet sich als unvorstellbar oder gar absurd darstellt, plötzlich verständlich werden lässt. Als Beispiel sei hier nur das Kapitel mit der Beschreibung der Prozesse (Kap. 12, S.402 ff.) genannt. Das Chaos in der Verhandlung, die Rhetorik der BILD-Zeitung (Dr. Huber, der Initiator des SPK, wird als „Chef der Terroristen-Bande“ bezeichnet, S- 411) auf der einen und die Stellungnahme von Jean-Paul Sartre auf der anderen Seite machen die gesamte Zerrissenheit des Projektes SPK, aber auch der damaligen Gesellschaft deutlich.

Die Heidelberger Klinik (aus der heraus das SPK entstand, Details dazu finden sich auf S. 426 ff., die Entstehungsgeschichte an sich in Kap. 3 bis 5, S. 40 ff.) glich einem Pulverfass von Ideen. Ein liberaler Chef sorgte dafür, dass jeder, der es wollte, seine Ideen ausdrücken und mitteilen konnte“ (S.44). Wo ist das heute noch der Fall? Und: „Die Zeit, in der psychopathologische Phänomene bloß beobachtet und katalogisiert wurden, schien für immer vorbei zu sein“ (aaO.). In gerade einmal 10 Jahren (zwischen 1970 und 1980, als das letzte Urteil im Zusammenhang mit dem SPK erging), überschlugen sich die Ereignisse, und die akribische, aber nie überzogene Zusammenstellung nicht nur der historischen Abläufe, sondern die Einordnung der Entwicklung in das Zeitgeschehen und die Analyse der Wahrnehmungen Betroffener und Außenstehender zeichnen dieses Buch aus.

Die oft kritisierte therapeutische Praxis sowie die Krankheitstheorie werden im Kap. 7 und 8 (S. 187 ff.) ausführlich dargestellt; angereichert mit Bildern und Aussagen ehemaliger Patienten. Der „Sprache des SPK“ widmet das Buch ein eigenes, von Julia Wagner verfasstes Kapitel 9 (S. 286 ff.).

Methodisch bildet die Befragung von Zeitzeugen nach der Methode der Oral History eine wichtige Säule der Untersuchung (S. 27). Dies macht das Buch nicht nur authentisch, sondern eben auch spannend zu lesen. Dabei versäumen es die Autoren nicht auf die Probleme dieser Forschungsmethode hinzuweisen. Aber das durchgängig hohe methodische Niveau der Arbeit schlägt sich auch in der Veröffentlichung nieder.

Und zum Schluss: Auf YouTube findet sich ein Interview mit dem Autor des Buches[3]. Und einen Blick ins Buch kann man im Internet[4] auch machen, ein schöner Service des Verlages. Dort kann man sogar das komplette Vorwort lesen.

[1] https://www.psychiatrie-verlag.de/buecher/detail/book-detail/wir-wollten-ins-verderben-rennen.html

[2] http://polizei-newsletter.de/newsletter_german_search_show_article.php?N_ID=3989

[3] https://www.youtube.com/watch?time_continue=15&v=m9_qby8kqVE

[4] https://www.blickinsbuch.de/item/aa91e271fad86c51353ce10201d4ece4?PHPSESSID=af097390a59a202f18fc00e7905459d7

Rezensiert von: Thomas Feltes

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