Lena Marie Brinkmann, Wirtshaus und Wandel. Literarische Räume als Spiegel gesellschaftlicher Ordnungen und Umbrüche. Resensiert von Thomas Feltes

Lena Marie Brinkmann, Wirtshaus und Wandel. Literarische Räume als Spiegel gesellschaftlicher Ordnungen und Umbrüche. Transcript-Verlag Bielefeld, 2026, 306 S., Print: ISBN: 978-3-8376-8182-6, 49.- Euro; pdf ISBN: 978-3-8394-7767-0 (open access)

Wenn Räume sprechen könnten, hätten Wirtshäuser viel zu berichten. Nicht nur weil es an Tischen und Tresen gesellig zugeht, sondern weil der Raum bei genauer Beobachtung viel preisgibt: Wer gehört zur Gemeinschaft? Welche Meinungen und Konflikte herrschen? Und was bringt die Zukunft? Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts nutzten politisch engagierte Autor*innen das Wirtshaus in ihren Geschichten, um gesellschaftsrelevante Fragen aufzugreifen und kritisch zu reflektieren.

Lena Marie Brinkmann zeigt im Vergleich zur jüngsten Konjunktur der Dorfprosa, welche Parallelen und Neuerungen bestehen. Entlang von Textanalysen, raumtheoretischen und kulturgeschichtlichen Kontexten entpuppt sich das Wirtshaus als Zeitkapsel und Seismograf zugleich.

Ihre Analyse reicht von Gottfried Keller über Michel Foucault und Juli Zeh bis hin zu Saša Stanišić. Das Buch ist also nicht nur für Literaturinteressierte, sondern für alle, die an Gesellschaft als System und an (noch) funktionierender Demokratie interessiert sind, eine schöne, entspannende Sommerlektüre. Und tatsächlich geht die Autorin auch ausführlich (ab S. 95) im Kapitel „Dauerhaft geschlossen – Demokratie auf der Kippe?“ unter Verweis auf Jürgen Habermas auf dieses Problem ein. „Das, was im Zuge des Wirtshaussterbens zunehmend bedroht scheint, ist die Infrastruktur der Öffentlichkeit“. Das Bedrohungsnarrativ der Fragmentierung der Öffentlichkeit und die daraus resultierende Gefährdung der Demokratie zeige sich in unterschiedlichen Nuancen (S. 110).

In Interview erklärt die Autorin, dass sie es spannend findet, Bücher über Vertrautes und Alltägliches zu lesen und dabei ganz Neues zu erfahren. Und genauso ist es, auch wenn der Begriff „Wirtshäuser“ bei vielen jüngeren Menschen eher fremd klingen dürfte. Wirtshäuser sind ein Phänomen, mit dem zumindest Ältere automatisch Vorstellungen verbinden und dabei übersehen, wie komplex diese Räume tatsächlich sind. Brinkmann fasziniert es, dass „Autor*innen die Schenken seit dem 19. Jahrhundert nutzen, um politische und soziale Umbrüche zu erzählen, und dass diese Funktion in der aktuellen Dorfprosa überraschend lebendig geblieben ist“.

Um das literarische Wirtshaus sichtbar zu machen, verbindet das Buch Textanalysen mit Raumtheorien und kulturgeschichtlichen Hintergründen. „Dadurch zeigt sich, welche Erzählmuster bis heute fortwirken und wie sich neue Antworten auf bekannte Fragen nach Demokratie, Gemeinschaft und sozialem Wandel herausbilden. Der zeitliche Vergleich von Texten, zwischen denen fast 200 Jahre liegen, zeigt gegenwartsliterarische Brüche und Traditionen auf“.

Interessant auch, wie die Autorin den Bezug zu aktuellen Entwicklungen herstellt: Transformationsprozesse und gesellschaftliche Folgen von Polarisierung bewegen, so ihre Aussage, aktuell viele Disziplinen. „Gleichzeitig erleben wir, dass Orte der Begegnung und Debatte, ›Drittorte‹, verschwinden. Das Wirtshaus bündelt diese Entwicklungen und Interessen: Es ist ein idealer Ausgangspunkt, um zu untersuchen, wie Literatur politische Aushandlungsprozesse, demokratische Kultur und den Wandel von Lebenswelten reflektiert“.

Letztlich hat Brinkmann hier ein Buch vorgelegt, das alle lesen sollten, die sich für gesellschaftlichen Wandel interessieren und die nach einer neuen, durchaus auch entspannter als manche anderen Publikationen zu lesenden Analyse suchen.

Vielleicht setzt die Autorin demnächst dann das um, was sie im Interview als besonders spannend bezeichnet hat: Gespräche mit Wirtinnen und Wirten. „Sie erleben täglich, wie sich Gemeinschaft, Konflikte und politische Stimmungen im Gastraum verändern“. Und dabei könnte man dann auch untersuchen, welche Form von „Wirtshäusern“ welche Generation und welche Besucher anzieht. Und ob es hierbei regionale Unterschiede gibt. Der Rezensent erinnert sich in diesem Kontext an eine sehr spannend zu lesende ethnologische Studie eines amerikanischen Kollegen zur Streitschlichtung in Bayerischen Gasthäusern. Und an die Ethnographie von R.W.B. McCormack, Tief in Bayern (nur noch antiquarisch verfügbar).

Thomas Feltes, Juli 2026