Arne Semsrott, Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück. Eine Anleitung für die demokratische Offensive. Rezensiert von Thomas Feltes

Arne Semsrott, Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück. Eine Anleitung für die demokratische Offensive. Droemer, München 2026, 208 S., ISBN 978-3-426-57072-2, 22.- Euro, e-book 18,99 Euro.

„Weg mit der Ohnmacht und Untergangsstimmung – es ist Zeit für die demokratische Gegenoffensive“ ist das Motto dieses Buches, mit dem der Autor versucht, anhand zahlreicher konkreter Beispiele zu zeigen, wie wir aus der Defensive in die Offensive kommen. Es geht darum, die Erkenntnisse, die wir zu den Ursachen des Zerfalls unserer Demokratie haben, in Handeln umzusetzen.

Vieles, was der Arne Semsrott[1] in seinem Bestseller »Machtübernahme« als düsteres Szenario einer rechtskonservativen Wende beschrieben hat (die Besprechung dieses Buches im PNL findet sich hier), ist bereits bittere Realität – und das ganz ohne AfD-Regierungsbeteiligung. Unter der CDU/SPD-Koalition erleben wir ein hartes Grenzregime, die Herabwürdigung finanziell benachteiligter Menschen, Angriffe auf die demokratische Zivilgesellschaft, ein Ende des Klimaschutzes und eine Politik der Angst.

Arne Semsrott zeigt auf, was man tun kann: durch strategische Rechtskämpfe, solidarische Sorgearbeit, eigene Räumen, mutige Streiks und dem Aufbau kollektiver Macht, zivilgesellschaftlicher Krisenhilfe, den Kampf für eine gerechte Verwaltung statt des Bürokratieabbaus für Reiche, Volksentscheide und Begeisterung und Humor. Auch wenn letzteres (der Humor) in dem Buch etwas zu kurz kommt und es auch keine Anleitung im engeren Sinne ist, lohnt sich die Lektüre. Der Autor behandelt und erklärt immer erst die jeweilige die Ausgangsthematik, um dann Lösungsvorschläge aufzuzeigen. Daher erinnert einiges an den Inhalten an das letzte Buch von Semsrott, aber das ist sogar nützlich.

Die Euphorie, dass dieses Buch beweise, dass wir alle Instrumente haben, um das Ruder herumzureißen, wir sie nur nützen müssen (so der Text auf dem Umschlagrücken), ist allerdings etwas zu reißerisch. Der Text soll „eine motivierende und entschlossene Kopfwäsche“ sein, wird Alice Hasters auf dem Cover des Buches zitiert. Unklar bleibt dabei, wer genau „wir“ sein soll, wer aufgerufen wird zur Offensive. Aber vielleicht ist genau das Absicht: Semsrott will möglichst viele Mitglieder der demokratischen Gesellschaft motivieren, aktiv zu werden.

Tatsächlich geht es Semsrott darum, eine Gegenmacht aufbauen. Zentral dafür sei, dass wir uns ein solches Szenario vorstellen können, denn nur, was wir uns vorstellen können, können wir, so Semsrott, in die Tat umsetzen. Um zu zeigen, wie das funktionieren kann, benennt er Hebel für eine wirksame „Macht der Vielen“. Es geht um strukturelle Werkzeuge wie strategische Rechtskämpfe, Organizing, Volksentscheide, solidarische Sorgearbeit, eine gerechte Verwaltung und die Demokratisierung der Wirtschaft. Es geht aber auch um Vertrauen, neue Räume, um Begeisterungsfähigkeit.

Das Buch beruht auf „jahrzehntelanger zivilgesellschaftlicher Arbeit und mehr als 60 Interviews mit Akteur*innen aus der Praxis“, so der Autor. Er schaut dabei auf Strukturen, die tatsächlich funktionieren und die nötig sind, um gemeinsam zu kämpfen. Jedes Themenkapitel liefert „konkrete Mittel für Veränderungen, stellt die Wirkungsweise unterschiedlicher Bewegungen vor und bietet Handwerkszeug und Ansatzpunkte für die Gegenoffensive“.

Sensrotts These ist, dass die demokratisch engagierte Zivilgesellschaft hierzulande enorm schlagkräftig sei, was sie im vergangenen Jahrzehnt immer wieder bewiesen habe. Es verläuft, so seine Argumentation, eine klare Linie vom Sommer der Migration 2015 zu den Unteilbar-Demonstrationen und der Klimagerechtigkeitsbewegung, über Black Lives Matter und Christopher Street Days bis zu den Demokratie-Protesten (S. 11).

Aber ist das wirklich so? Haben sich seit 2015 nicht grundlegende Parameter in unsere Gesellschaft, in unserem Leben geändert? Haben wir nicht inzwischen eine andere Gesellschaft?

Kritisiert wird von Semsrott richtigerweise, dass die ständige Brandmauer-Diskussion nicht hilft und die AfD mit Abstand der größte Referenzpunkt für andere Parteien ist. „Sie arbeiten sich an ihr ab, anstatt eigene Themen zu setzen. Auf keine andere Partei wird von ihren Konkurrenten häufiger Bezug genommen. Die setzen die Themen, alle anderen verhalten sich dazu. Das führt unweigerlich zu einer Verschiebung nach rechts“ (S. 10).

Es sei nicht unzureichendes Wissen, an dem die Demokratie scheitere, sondern der fehlende Willen, sich den Rechtsextremisten in den Weg zu stellen. Und ein Mangel an Visionen. Deswegen, so Semsrott, müssen wir umsteuern: „Nicht mehr nur reagieren, sondern agieren. Von der Defensive in die Offensive. Nicht mehr bitten und betteln, sondern eigene Konzepte entwickeln und Druck aufbauen. Klare Forderungen aufstellen. Die eigene Bubble stärken und zum Referenzpunkt machen. Nicht die Sorgen und Ängste von Tätern in den Mittelpunkt stellen, sondern die Sorgen und Ängste von Betroffenen. Alternativen aufzeigen und die Gesellschaft dazu bringen, sich mit einer progressiven Agenda zu beschäftigen. Die Mitte aus ihrem sehnsuchtsvollen Blick nach rechts lösen und mit anderen Realitäten konfrontieren. Statt Angst vor Veränderung Lust auf Veränderung machen. Statt Ohnmacht eine Gegenmacht etablieren“ (S. 10).

Semsrott behandelt auch Aspekte, die eigentlich jedem bekannt sein sollten, aber nur selten thematisiert werden – wie beispielsweise die Frage, was denn die „politische Mehrheit“ ist. Am Beispiel der Bundestagswahlen macht er die Problematik deutlich: Von den rund 84 Millionen Einwohnern in Deutschland durften bei der letzten Wahl 10 Millionen Volljährige nicht wählen, weil sie keinen deutschen Pass haben. Weitere 14 Millionen waren noch nicht volljährig. Das bedeutet: Ein Drittel der Bevölkerung durfte überhaupt nicht mitwählen. Von den rund 60 Millionen Wahlberechtigten gingen außerdem über 10 Millionen Menschen nicht zur Wahlurne. Die Stimme von weiteren 7 Millionen Menschen hatte keinen Effekt, weil ihre Parteien an der 5-Prozent-Hürde scheiterten. Bleiben gerade einmal 43 Millionen von 84 Millionen Menschen, die die Zusammensetzung des Bundestags am Wahltag bestimmten – nur 51 Prozent der Bevölkerung. Rechnet man dann die Stimmen der Regierungsfraktionen auf die Zahl der Menschen um, die in Deutschland leben, konnte die schwarz-rote Koalition die Stimmen von 27 Prozent der Gesamtbevölkerung auf sich vereinigen. Die Koalition hat also weder die absolute Mehrheit der Stimmen der Wahlberechtigten noch die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen.  Sie hat lediglich die Mehrheit der Sitze im Bundestag. „Das bedeutet: Die Regierung hat eine Mehrheit. Sie hat nicht die Mehrheit“.

Richtig ist, dass wir alle dem schleichenden Abbau von Grundrechten nicht tatenlos zusehen dürfen. Nur: Wer weckt die (angeblich?) in unserer Gesellschaft vorhandenen Potentiale angesichts der aktuellen und nicht erst seit gestern andauernden tatsächlichen und gefühlten Krisensituationen? Die Menschen in Deutschland sind zutiefst verunsichert angesichts der Lage und der Diskussionen um Renten, Gesundheitswesen, Klimawandel (besser sollte man sagen „globale Erwärmung“, worauf Özden Terli hinweist, wenn er sagt, dass er den Begriff „Klimawandel“ ablehnt, weil er „viel zu gemächlich für die rasante Erderhitzung“ sei), Mietpreise und Wohnraum. Richtig ist, dass wir keine Migrationskrise haben, sondern eine Krise des politischen Personals (S. 155), und dass aktuell Regierungsparteien, die AfD-Forderungen umsetzen, gefährlicher sind als eine AfD in der Opposition (S. 9). Aber spielt das letztlich eine Rolle? Ja, eine Krise ist nicht einfach objektiv da, sie wird gemacht und genutzt, auch um den Rechtsstaat zu untergraben (S. 155). Entscheidend für Engagement und Wahlentscheidung waren noch nie objektive Fakten, sondern die subjektive Wahrnehmung, das Gefühl. Beides ist, wenn man so will, derzeit im Keller.

Das ist sicher kein Argument gegen das Buch von Semsrott, und schon gar nicht gegen seine Argumente. Aber den Optimismus, den er mit seinem Buch verbreiten will, mag man nicht unbedingt teilen. Gibt es wirklich eine „starke demokratische Infrastruktur“ in unserem Land, wie er meint (S. 177), oder diese „demokratischen Kerne“ (Begrich)? Die Beispiele, die er dabei nennt, sind existent, aber sind sie nicht kleine Inseln in einem Meer aus Ignoranz? Ja, eine demokratisch engagierte Zivilgesellschaft kann wirkmächtig sein (S. 185), aber wird sie nicht gerade durch die über (zu) viele Jahre herrschenden sog. „Volksparteien“ zerstört? Wenn die SPD in Mecklenburg-Vorpommern innerhalb von 5 Jahren von knapp 40 % auf 27 % absackt, die CDU sogar auf 10 %, dann kommt das System der Altparteien ins Rutschen, und Alternativen sind rar. Die AfD kommt auf 35 %, die Linke auf 11 %, die Grünen auf um die 4 % (Quelle). Eine aktive außerparlamentarische Opposition ist weder hier noch anderenorts zu erkennen.

Und ja, nicht Armutsbetroffene sind das Problem, sondern die Tatsache, dass wir uns die Reichen nicht mehr leisten können (S. 57). Nur: Wer hat denn die Lobby, hiergegen anzugehen? Wer stellt sich dem VW-Clan entgegen, der aus vordergründigen finanziellen Interessen 100.000 Personalstellen abbauen will? „Volkswagen hat ein Clan-Problem“ – allerdings nicht erst jetzt, sondern spätestens seit dem „Diesel-Skandal“.

Semsrott zitiert Niklas Luhmann, wonach in einer hochkomplexen Welt Vertrauen ein notwendiger Mechanismus zur Reduktion von Komplexität ist (S. 48). Aber dieses Vertrauen ist nicht nur in die politischen Institutionen quasi auf Null geschrumpft, sondern das Vertrauen zerbröselt auch zunehmend im unmittelbaren, engeren Umfeld. Gerade junge Menschen blicken immer pessimistischer in ihre Zukunft und die ihrer Kinder, zeigt eine jährliche Umfrage. Das demokratische Fortschrittsversprechen hat für sie an Strahlkraft verloren. Kann das Buch von Semsrott diese Strahlkraft wiederherstellen? Alleine sicher nicht, dennoch bleibt zu wünschen und zu hoffen, dass es von vielen, die angesichts des aktuellen Demokratieschwundes nicht untätig bleiben wollen, gelesen wird – und vielleicht auch die eine oder andere Aktion in Gang setzt.

Thomas Feltes, Juli 2026

[1] Arne Semsrott hat Politikwissenschaft studiert und war von 2013 bis 2017 Leiter des Projekts Hochschulwatch bei Transparency Deutschland. Seit 2014 ist er Projektleiter für FragDenStaat bei der Open Knowledge Foundation Deutschland.