Unter Reichen. Heft der Zeitschrift „Mittelweg 36“. Vorgestellt von Thomas Feltes

Unter Reichen. Heft der Zeitschrift „Mittelweg 36“, 35. Jahrgang, Heft 3, Juni/Juli 2026, Hamburg, 14.- Euro

Mit einem Umfang von 148 Seiten ist dieses Heft der Zeitschrift „Mittelweg 36“ fast schon ein Buch, und darf daher auch hier im Buch-Blog des PNL besprochen werden. Aber nicht nur deshalb: Dieses Heft thematisiert etwas, was immer wieder mal, dann meist aber eher am Rande thematisiert wird: Die sog. Reichtumsforschung.

Arne Semsrott, dessen Buch „Gegenmacht“ demnächst an dieser Stelle vorgestellt werden soll, weist darauf hin, dass Menschen, die für ihr Geld arbeiten, fast die gleiche Steuerlast tragen wie im Jahr 1996, während die Belastung für diejenigen, die ihr Geld für sich arbeiten lassen, faktisch halbiert wurde (Semsrott S. 41). Er zeigt auch, dass nicht die Armen in unserer Gesellschaft das Problem sind (so wie es die aktuelle Diskussion um die sog. Grundsicherung vorgaukelt), sondern die Reichen.

Die Beiträge in dem Heft von „Mittelweg 36“ beschäftigen sich mit diesem Problem in unserer Gesellschaft – auch, weil die meisten Vermögenden das Rampenlicht scheuen und lieber im Verborgenen leben. Mit gutem Grund pflegen sie vornehme Zurückhaltung und bleiben unter sich. Die Beiträge schauen hier genauer hin und fragen, nach welchen Regeln diese exklusive Welt funktioniert: „Wie wird man Teil der besitzenden Klasse? Welche Traditionen pflegt sie? Mittels welcher Praktiken erhält sie sich? Und welche Probleme treiben sie um? Kurz: Wie lebt es sich Unter Reichen?“

Das klingt auf den ersten Blick dann doch eher nach Voyeurismus und dem besagten Blick hinter die Kulissen- In Wirklichkeit stehen die hier versammelten Beiträge für eine Reichtumsforschung als gesellschaftswissenschaftliche Aufgabe. Sie sehen diese Forschung als wichtigen Teil der Ungleichheits- und Sozialstaatsforschung, als Bewusstseins- und Mentalitätsstudien, als Beitrag zur Diskursanalyse. „Sich mit Reichtum zu beschäftigen, heißt nicht nur, die oberen Regionen des Sozialraums näher zu betrachten oder Daten über Vermögen, Kapital et cetera zusammenzutragen. Wer sich mit der Soziologie des Reichtums beschäftigt, der denkt auch über Sozialpolitik nach, er oder sie stellt Macht- und Verteilungsfragen, beleuchtet die Normativität von Verantwortung und Kooperation – und achtet auch auf historische Perspektiven“.

Das Heft, das mit einem Zitat von Karl Marx und einem Cartoon von Donald Duck beginnt („Die reichste Ente der Welt spürt und weiß genau: Geld macht doch glücklich“), beleuchtet das Thema aus ganz unterschiedlichen Sichtweisen. Auf der Suche nach gesellschaftlicher Wirklichkeit beschreibt ein Beitrag die sog. „Reichtumsforschung“ (S. 9 ff.). Das Ziel dieses Beitrags ist es, ein „vielschichtiges und empirisch-analytisches Bild vom Reichsein jenseits gängiger Klischees von Luxus und Dekadenz zu entwickeln“. Die Studie, in der es in diesem Beitrag geht, lässt vermögenden Personen selbst zu Wort kommen. In den Urteilen der Wohlhabenden wird sichtbar, wo Reiche ihren Platz in der Gesellschaft sehen und wie sie auf gegenwärtige Ungleichheitsverhältnisse blicken.

Ein weiterer Beitrag (S. 45 ff.) thematisiert in einer kritischen Narrativanalyse die Mythen des verdienten Vermögens. Dabei werden vier verbreitete Narrative zur Rechtfertigung von sozialer Ungleichheit und Superreichtum diskutiert. Die normativ starken Begriffe und wirkmächtigen Narrative von Freiheit, Eigentum, Leistung und Erfolg spielen in ihrem Beitrag eine zentrale Rolle. Nach Auffassung der Autorinnen und Autoren kommen wir in der gesellschaftspolitischen Debatte um Reichtum und Vermögen nur voran, wenn wir die Rede von verdientem Vermögen gesellschaftswissenschaftlich entmystifizieren.

Eine historische Perspektive bietet ein Beitrag (S. 67ff.), der der Frage von »Reich werden und reich bleiben« nachgeht. Die Autorin fragt, ob wir historische Phasen ausmachen können, in denen besonders günstige Konstellationen bestanden, reich zu werden und zu bleiben. Ein zentraler analytischer Punkt ist die Aussage, dass weder Reichwerden noch Reichbleiben eine Geschichte der Einzelnen ist, sondern immer eine Angelegenheit der vielen. Verwandtschaftliche und familiäre Beziehungen sind daher für die Autorin der entscheidende Faktor für die (Re-)Produktion von Reichtum. Reichtumsgeschichten seien Familiengeschichten.

Unter dem Titel »Wahrscheinlich alles reiche Familien« wird das soziale Milieu des Adels, insbesondere der Adelsverbände analysiert (S. 84 ff.). Die Autorin konzentriert sich in ihrem Beitrag vor allem auf Praktiken des doing exclusivity. Reichtumsforschung dürfe nicht nur in Strukturen sozialer und ökonomischer Ungleichheit denken. Insbesondere die Analyse von Reichtum, Adel und Exklusivität erfordere die Bereitschaft, die Affektivität und Atmosphäre gehobener Verhältnisse miteinzubeziehen.

Eine finnische Autorin geht es in ihrer Studie (S. 100 ff.) auf sehr wohlhabende und vermögende finnische Familien ein und thematisiert die kulturelle Dimension des Reichtums. Reich zu sein, sei ein wirtschaftlicher Tatbestand, der sich in Vermögenswerten oder Kapitalanlagen messen lasse. Es sei aber auch eine spezifische kulturelle Praxis, die in Familien und sozialen Bezügen erlernt werde. Um reich zu werden, vor allem aber auch, um reich zu bleiben, bedarf es eines dynastischen Mindsets. Dabei geht es um die Habitualisierung und soziokulturelle wie familiale Kapitalisierung des Reichtums.

Das Ende des Heftes bildet ein Interview mit der Leiterin der Abteilung „Wealth Management Niederrhein“ der Deutschen Bank, die professionelle Vermögensverwaltung für Beträge ab 250.000 Euro anbietet und der z.B. die Frage gestellt wird, ob sie reiche Menschen erkennt, wenn Unbekannte auf sie zukommen und ob man zwischen neureich und altreich unterscheiden kann.

Der Mittelweg 36 ist eine Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung und ergänzt deren Buchpublikationen. Inzwischen sind über 200 Hefte erscheinen, zu sehr unterschiedlichen Themen. Angesiedelt an der Schnittstelle zwischen akademischer und gesellschaftlicher Öffentlichkeit werden intellektuelle Debatten von Belang initiiert und begleitet. Regelmäßig versorgt die Zeitschrift ihre Leserinnen und Leser mit instruktiven Beiträgen zu den geschichts- und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen der Gegenwart. Es lohnt sich also, die Zeitschrift zu abonnieren oder zumindest ab und zu mal auf der website nachzusehen, welches Thema aktuell behandelt wird.

Thomas Feltes, Juni 2026