Claudia Mock, Figurations of Childhood. Middle-Class Topologies in Nairobi and Berlin. Transcript-Verlag Bielefeld, 2026, 342 Seiten, ISBN: 978-3-8376-7964-9, 49.- Euro (print), e-book als open access.
Weltweit führen neoliberale Stadtplanung und die sog. „Securitization“ („Versicherheitlichung“) zu einer Kindheit, die
von Segregation, Eingrenzung und Isolation geprägt ist. Vor allem in Milieus der Mittel- und Oberschicht erscheint die Kindheit als räumliche Krise, in der Kinder im Namen des Schutzes bevormundet und entmachtet werden. Claudia Mock stützt sich auf generationenübergreifende Biografien und mentale Landkarten aus Nairobi und Berlin, um aufzuzeigen, wie sich Sicherheitsdiskurse mit bürgerlichen Werten und Architekturen verflechten und die Kindheit in diesen Städten seit 1960 auf überraschend ähnliche Weise neugestalten.
Die Autorin identifiziert bürgerliche Lebensweisen und Adultismus[1] als integralen Bestandteil anthropozentrischer städtischer Krisen und fordert, Städte durch generationenübergreifende räumliche Gerechtigkeit neu zu denken.
Die narrative Zusammenstellung von Interviewausschnitten in dem Buch gewährt einen Einblick in vielfältige Vorstellungen von Heimat und Leben. Darüber hinaus lässt sie erkennen, wie diese Vorstellungen miteinander verflochten sind, wenn Räume plötzlich ähnlich aussehen, riechen oder sich ähnlich anfühlen, obwohl sie geografisch weit voneinander entfernt liegen, wie etwa die Straßen vor Doppelhaushälften in Buruburu (Nairobi) und Zehlendorf (Berlin).
Die Autorin hat biografische Interviews mit Menschen im Alter von vier bis 62 Jahren in Nairobi und Berlin durchgeführt. Die Stichprobe umfasste 36 Menschen aus Nairobi (4–62 Jahre) und 10 Menschen aus Berlin (9–58 Jahre). Zusätzlich hat sie sog. „kognitive Kartierungen“ vorgenommen. Mit dem Begriff der „kognitiven Karte“ – englisch „mental map“ – wird die Art bezeichnet, wie wir geografische Räume, also Orte, Landschaften, Länder, im Kopf abgespeichert haben; quasi unsere innere Landkarte. Hinzu kommt der Versuch, über den Weg der architektonischen Ethnografie zu beschreiben, welche Wechselwirkung zwischen Menschen und gebauter Umwelt bestehen. Dies geschieht durch teilnehmende Beobachtung und Dokumentation, um Alltagspraktiken zu erkennen.
Weltweit schaffen städtische Gesellschaften zunehmend Umgebungen, die auf die Sicherheit von Kindern ausgelegt sind und in denen sie lernen und sich vergnügen können. Während Kinder früher weltweit in städtischen öffentlichen Räumen viel präsenter waren, verbringen sie heute viel Zeit in häuslichen Räumen, die zunehmend mit Medien und Technologien ausgestattet sind. Dieser Trend wurde für Kinder seit den 1990er Jahren durch zunehmend allgemein zugängliche (soziale) Medien verstärkt und spiegelt eine räumliche Gestaltung der Kindheit wider, die mit sich wandelnden Kindheitsbildern und sich verändernden Vorstellungen von einem „guten“ Leben und einer „guten“ Kindheit einhergeht.
Die Autorin will dieses Problem im Kontext globaler Ungleichheiten betrachten. Das Buch untersucht daher besonders die sich wandelnden Figuren der Kindheit im Kontext der Klasse.
Die Studie zeigt auf, wie sich Sicherheitsdiskurse mit bürgerlichen Werten und Architekturformen verflechten und seit 1960 die räumlichen Gestaltungen der Kindheit in diesen Städten auf überraschend ähnliche Weise neu prägen. Die Ergebnisse zeigen, dass Dichotomien wie Stadt und Land oder privat und öffentlich, die die Topologien der städtischen Mittelschicht als Mittel zur Bewältigung anthropozentrischer städtischer Probleme wie Verkehr, soziale Ungleichheiten und Umweltzerstörung in die Stadt eingeschrieben haben, mit Securitization (z. B. bewachte Wohnanlagen und private Spielplätze) beantwortet werden, wodurch die Binarität von Kind und Erwachsenem reproduziert wird.
Kindheit erscheint in diesem Kontext als räumliche Krise, in der Kinder im Namen des Schutzes bevormundet und entmachtet werden, insbesondere in Milieus der Mittel- und Oberschicht. Das Buch setzt sich mit diesen bürgerlichen Formen der Wahrnehmung und Bewältigung urbaner Unsicherheiten auseinander und kommt zu dem Schluss, dass bürgerliche Lebensstile mit exkludierenden (Topo-)Logiken verbunden sind, in denen städtische Räume zunehmend um Diskurse von Risiko, Kontrolle und Schutz herum organisiert werden, wodurch „sichere Räume“ entstehen, in denen Segregation dann zu einer Form des zeitlichen Krisenmanagements wird, das privilegierte Kinder vor ökologischem und sozialem Zusammenbruch abschirmt.
Aus dieser Perspektive erscheinen „kinderfreundliche“ oder „sichere“ Räume eher durch Gefahren und die Erhaltung der individuellen körperlichen Gesundheit motiviert, als dass sie Teil einer Transformation hin zu einer gerechteren Stadt wären, die durch generationenübergreifende räumliche Gerechtigkeit gekennzeichnet ist.
Die mit der Sicherheitsorientierung verbundene Vorstellung von Kindheit birgt ein Klassenparadoxon: Wenn Kinder aus der Mittelschicht durch Fahrdienste und den Aufenthalt in geschlossenen Räumen Mobilität innerhalb der Stadt erlangen, verlieren sie nicht nur die Orientierung, sondern auch den Kontakt zum sozialen und multisensorischen Gefüge der Stadt.
Das Buch besticht auch durch seine methodische Reflektion und die durch Grafiken und Bilder unterstützte anschauliche Darstellung. Auch wenn es sich in weiten Teilen vor allem mit Nairobi beschäftigt, ist es auch für deutsche Leser von Interesse, die mit der Autorin die zunehmende Segregation in Großstädten kritisch sehen.
Thomas Feltes, Mai 2026
[1] Adultismus bezeichnet die Machtungleichheit und Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene aufgrund ihres Alters. Es ist ein tief verankertes gesellschaftliches Machtverhältnis, bei dem Erwachsene ihre Position nutzen, um über Belange Jüngerer zu bestimmen, deren Meinungen oft abzuwerten oder zu ignorieren.