Justine Seewald-Krieger, Touchdown Amsterdam. Novum Verlag Neckenmarkt, 2026, 164 S. mit zahlreichen Abbildungen, ISBN 978-3-7116-1114-7, 22,90 Euro.
Das Buch beschreibt die Ereignisse in den letzten Stunden vor dem Tod von Sammy Baker, der am 13. August 2020 in
Amsterdam von der Polizei erschossen wurde – aus der Sicht der Mutter des Getöteten. Sie rekonstruiert die Geschehnisse anhand vieler Zeugenaussagen und verbindet dabei Realität und Fiktion.
Sammy hielt sich seit dem 10.08.2020 spätnachmittags in Amsterdam auf. Am Mittwochabend, 12.08.2020 meldete ihn ein Freund bei der Amsterdamer Polizei als vermisst. Die Vermisstenmeldung wird noch am gleichen Tag als „dringend“ eingestuft. In der Dienstbesprechung am 13. August 2020 wird die Vermisstenanzeige thematisiert und das Foto von Samuel gezeigt. Es wird bereits hier von einer „verwirrten“ Person gesprochen und die Polizei beginnt damit, aktiv nach Samuel zu suchen, auch mit Hilfe von sozialen Medien. Am 13. August 2020 um 16:45 Uhr meldete ein Polizist der Einsatzzentrale, dass er eine Person angetroffen hat, die er als vermisste Person aus dem Briefing erkannte. Die Verfolgung wurde aufgenommen, an der sich mehrere Einheiten beteiligten. Sammy rannte barfuß, verfolgt von mehreren Polizisten. Insgesamt sind am Ende mindestens 16, wahrscheinlich mehr Polizeibeamte an dem Einsatz beteiligt.
Die Verfolgung endete in einem umzäunten Garten eines Wohngebietes. Hier gibt es den direkten Kontakt zwischen Sammy und der Polizei, der mit den tödlichen Schüssen endet.
Der Ablauf des Geschehens wurde von „Forensic Arcitecture“ aufwändig rekonstruiert. Die Ergebnisse und Videos sowie Bilder sind hier zu finden.

„Forensic Architecture“ schreibt dazu folgendes: “The first videos of their encounter show police officers shouting at Sammy, and pointing their firearms at him. In their testimonies, those officers would later claim that it was clear that Sammy was experiencing a psychosis. Nevertheless, when an ambulance arrived, the paramedics were never allowed to get close to Sammy, to offer him psychiatric or medical support. Those videos captured vital details about the sequence of events leading to Sammy’s death, including moments which contradicted police testimony. Three officers individually claimed that, seconds before Sammy’s death, a colleague who had tried to physically apprehend the victim had been dragged to the floor with Sammy, who was apparently still holding the small pocket knife. This could have been a justification for racing to assist their colleague, who might have been in danger. But the video evidence shows that this claim is simply not true. The officer in question – identifiable as he was in charge of a police dog – remains standing throughout the incident, and was never in danger. The dog handler seeks to physically apprehend Sammy after he first tries to deploy the dog against him. It is unclear what the dog could have achieved, or how its introduction would have helped in the encounter with an individual in mental health crisis.”
Sammy wollte seinen 23. Geburtstag mit Freunden in Amsterdam zu feiern. Nachdem er sich nicht gemeldet hatte, fuhr seine Mutter nach Amsterdam, um ihn zu suchen. Kurze Zeit später rief Sammy sie hilfesuchend an und gab seinen Standort durch. Sie trafen sich in einer Straße im Stadtteil Amsterdam Nieuw-West. Trotz aller Bemühungen ließ sich Sammy nicht dazu überreden nach Hause zu kommen. Die Mutter von Sammy, die Autorin des Buches, traf dann in Amsterdam auf einen Polizisten, den sie um Hilfe bat. Als dieser Seewald ansprach, rannte er davon.
Sammy und seine Freunde hatten zwei Tage vorher Cannabis konsumiert. Kurz darauf zeigte er möglicherweise paranoides Verhalten. Zum Ereigniszeitpunkt stand er allerdings nicht unter Bewusstseinsbeeinflussung durch Alkohol, Drogen oder Medikamente, litt aber wohl unter einer drogeninduzierten Psychose. Was im Hof passierte, ist auf einem Video (s.o.) dokumentiert. Sammy bedrohte, wenn überhaupt, nur sich selbst und dies erst, nachdem er von den Polizeibeamten angesprochen worden war.
Die Hilfe einer vor Ort eingetroffenen psychiatrischen Ambulanz, die darauf spezialisiert ist, Menschen mit verwirrtem Verhalten unter Kontrolle zu bringen, wurde von der Polizei abgelehnt bzw. nicht in Erwägung gezogen. Sammy fragte auch nach einem Arzt, was mehrere Zeugen vor Ort hörten, von den Polizisten aber nicht umgesetzt wurde, Rettungssanitäter wurden nicht zu ihm gelassen.
Als der Zugriff mit einem Polizeihund von hinten misslang, weil der Hund an ihm vorbei und auf die in Angriffshaltung dem Hundeführer gegenüber (und hinter Sammy) stehenden Beamten zulief (was zu erwarten ist, da Sammy ruhig und langsam ging), wurde Sammy vom Hundeführer von hinten überwältigt. Laut ersten Angaben der Polizei habe Sammy mit dem Messer „herumgefuchtelt“ und dabei einen Polizeibeamten an der Weste getroffen. Es wurde jedoch weder ein Polizist verletzt, noch wurden später an den Westen der Einsatzbeamten entsprechende Spuren festgestellt. Insgesamt acht Polizisten versuchten, Sammy zu überwältigen. Dabei wurden von zwei Beamten insgesamt vier Schüsse abgegeben, die Sammy in Brust und Bauch tödlich trafen.
Das Verhalten der Amsterdamer Polizei passt in die seit einigen Jahren auch in Deutschland geführte Diskussion über Polizeigewalt und den Umgang mit offenkundig hilfsbedürftigen, psychotischen Menschen (s. Fall Dramé in Dortmund). Laut der niederländischen Menschenrechtsorganisation gegen Polizeigewalt Controle Alt Delete (CAD) starb Sammy im Jahr 2020 als zehnter von 16 Menschen durch Polizeigewalt in den Niederlanden – 13 von ihnen waren verwirrt.
Zu einsatztaktischen -strategischen Fehlern kamen individuelle Fehler und Fehleinschätzungen durch die Einsatzbeamten, die (noch) nicht umfassend aufgeklärt wurden. Zudem wurden durch die Polizei Amsterdam vor, während und nach dem Einsatz professionelle Standards missachtet und es erfolgte keine umfängliche Aufarbeitung und Ermittlung des Geschehens und damit keine umfassende Sachverhaltsaufklärung durch die Rijksrecherche, die für polizeiliches Fehlverhalten zuständige Behörde in den Niederlanden.
Dies ist auch insofern bedeutsam, als die Niederlande bereits schon einmal vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen mangelnder Aufklärung von Polizeigewalt verurteilt wurden. In dem Urteil war festgestellt worden, dass das zuvor angewandte Verfahren nicht ausreichend unabhängig und wirksam war und einen Verstoß gegen Artikel 2 der Europäischen Menschenrechtskonvention, EMRK, darstellte. 15.05.2007, 52391/99, § 321 (Ramsahai/Nederland S. 183 ff.). Die damaligen Feststellungen des EGMR hatten mehrere Mängel bei den Ermittlungen dokumentiert. Diese ähneln dem vorliegenden Fall. Der EGMR stellte damals fest:
„Adequacy of the investigation: The Grand Chamber considered, unlike the Chamber, that the adequacy of the investigation had been undermined by certain shortcomings, namely: failure to test the hands of Officers Brons and Bultstra for gunshot residue; failure to stage a reconstruction of the incident; apparent lack of examination of the officers’ weapons or ammunition; and lack of an adequate pictorial record of the injury caused to the victim’s body by the fatal bullet. In addition, Officers Brons and Bultstra had not been kept separated after the incident and had not been questioned until nearly three days later. Although there was no evidence that they had colluded with each other or with their colleagues, the mere fact that appropriate steps had not been taken to reduce the risk of such collusion had been a significant omission. Those shortcomings were all the more regrettable as, apart from Officers Brons and Bultstra, there were no witnesses who had seen the fatal shot fired from close by. Conclusion: violation on account of the inadequacy of the investigation (thirteen votes to four)”.
Dadurch wurden die auch von der niederländischen Polizei akzeptierten und vom Europarat festgelegten Opferrechte und die entsprechenden Empfehlungen des Ministerkomitees des Europarates missachtet. Gleichzeitig wurde gegen die Vorgaben der Anti-Folter-Konvention des Europarates verstoßen, wonach polizeiliche Gewalthandlungen in Verbindung mit polizeilichen Maßnahmen, die zur Festnahme einer Person führen sollen oder geführt haben, insbesondere, wenn sie zum Tod einer Person führen, vollumfänglich aufzuklären und ggf. strafrechtlich zu verfolgen sind.
Das Buch von Justine Seewald-Krieger, der Mutter von Sammy Baker, zeichnet die letzten Tage und Stunden von Sammy anhand von Zitaten aus Gesprächen und Interviews und mithilfe von Bildern aus dem Handy von Sammy sowie aus seinen sozialen Medien-Accounts nach. Es ist ein (natürlich) parteiliches Buch, aber ein Buch, das betroffen macht und gleichzeitig die Hilflosigkeit verdeutlicht, die Angehörige (und auch Betroffene selbst) haben, wenn Polizeieinsätze misslingen.
Das Buch selbst ist eine Mischung aus Realität und Fiktion, aus tatsächlich Gesagtem und (von der Autorin) vermuteten Dialogen. Wie das im Buch aussieht, zeigen die folgenden Abbildungen.

Da nicht immer deutlich gemacht wird, was real und was fiktiv ist, ist es sicherlich hilfreich, wenn man sich vor der Lektüre des Buches z.B. anhand der Website mit den dokumentierten Abläufen an diesem Tag beschäftigt hat. Beides zusammen ergibt dann ein erschreckendes Bild polizeilichen Versagens, das zum Tod eines jungen Menschen geführt hat.
Denn im Ergebnis hat die Polizei Amsterdam bei dem Einsatz am 13.08. 2020 gegen wesentliche Grundprinzipien im Umgang mit psychisch gestörten Personen verstoßen. Der Tod von Samuel Seewald wurde ganz wesentlich durch fehlerhaft polizeiliche Maßnahmen verursacht. Die Aufbau- und Einsatzorganisation sowie die Kommunikations- und Befehlsabläufe waren dem Ereignis nicht angemessen. Unklare und nicht angemessene Kommunikationsabläufe waren für ein nicht abgestimmtes Vorgehen verantwortlich, und die am Einsatzort anwesende Einsatzleiterin wurde ihrer Verantwortung nicht gerecht.
Vor allem aber wurde die Möglichkeit, die stabile/statische Lage zu nutzen, in der sich Sammy befand, als er in der Ecke des umzäunten Grundstückes saß und keine akute Gefahr für sich oder andere darstellte. Mit Unterstützung des anwesenden medizinischen Einsatzpersonals, das explizit für solche Situationen geschult war, oder auch der anwesenden Mutter, wäre es möglich gewesen, die Lage zu deeskalieren. Stattdessen wurde (leider wieder einmal) versucht, die Situation möglichst rasch (in diesem Fall durch einen Hundeführer) zu beenden, was dazu geführt hat, dass die Lage dynamisch und damit schwerer kontrollierbar wurde.
Der Zivilprozess, den die Eltern gegen die Polizei Amsterdam anstrengten, endete im September 2025 außergerichtlich durch einen Vergleich, dem beide Parteien nach einem Mediationsverfahren zustimmten. Die Eltern haben im Anschluss ein Artikel 12-Verfahren eingeleitet, um die beteiligten Beamten strafrechtlich zu verfolgen. Das niederländische Artikel-12-Verfahren ist ein rechtliches Instrument, mit dem Opfer oder andere Betroffene die Strafverfolgung erzwingen können, wenn die Staatsanwaltschaft von einer Anklage absieht – und zwar unabhängig von Fristen.
Thomas Feltes, August 2026
PS: Leider enthält die Webseite des Verlages keine Buchbeschreibung, das sollte schnellstens ergänzt werden. Und auch die Herstellungsqualität lässt zu wünschen übrig. Der Umschlag ist schon nach einem Tag wellig, die Druckqualität aber in Ordnung.