Philipp Knopp, Praxisform Polizeinotruf. Rezensiert von Thomas Feltes

Philipp Knopp, Praxisform Polizeinotruf. Mediatisierte Wissenspraktiken zwischen Wachsamkeit und Intervention. Transkript-Verlag Bielefeld, 360 Seiten, ISBN: 978-3-8376-7718-8, 49.- Euro (Paperback); e-book open access.

Wie bearbeitet die Polizei Notrufe? Und wie verändert sich der Notruf mit der fortschreitenden Digitalisierung? Philipp Knopp geht diesen Fragen mit dem neuen Konzept der Praxisformanalyse nach. Er verbindet die Ethnografie in Kontrollräumen der Polizei mit Diskursanalysen und zeigt, dass der Notruf ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Wissenspraktiken ist.

Einsatzannahme und -koordination sind auf ein gemeinsames Bezugsproblem ausgerichtet: Sie vermitteln zwischen der Mobilisierung und der Kontrolle von ziviler Wachsamkeit und polizeilicher Intervention. Medientechnik soll dieses normative Spannungsverhältnis stabilisieren, muss in Prozessen des Wandels aber selbst erst mit den lokalen Praktiken verknüpft und rekonfiguriert werden.

Der Notruf ist eine der wichtigsten Kontaktstellen zur Polizei. Dennoch gibt es im deutschsprachigen Raum wenig Forschung zu diesem Thema, obwohl bereits Ende der 1980er aufgezeigt wurde, welches Potential eine Analyse der Notrufe und Funkstreifenwageneinsätze der Polizei hat und was man aus einer solchen Analyse zum Zustand unserer Gesellschaft herausfinden kann[1].

Auch Irene Mihalic hat in ihrer Bochumer Dissertation mit dem Titel „Polizeiliche Einsätze, Kriminalität und Raum“ eine kriminalgeografische Analyse auf Basis polizeilicher Einsatzdaten und Sozialstrukturdaten der Stadt Gelsenkirchen vorgelegt. Die Studie trägt Informationen zu Kriminalität und polizeilichem Handeln im Kontext sozialräumlicher Bedingungen zusammen und analysiert diese Daten auf der kleinräumigen Ebene der Gelsenkirchener Stadtteile. Die Verfasserin zeigt auf, ob und inwieweit Kriminalität und Einsatzaufkommen räumlich mit anderen sozialen Problemen einhergehen. Bereits 1990 hatte sich der Rezensent mit Notrufen und Funkstreifenwageneinsätzen in bundesdeutschen Großstädten beschäftigt. Dem folgte 1996 noch einmal eine ausführliche Studie in drei Polizeidirektionen in Baden-Württemberg.

Die hier vorgelegte Studie „Praxisform Polizeinotruf. Mediatisierte Wissenspraktiken zwischen Wachsamkeit und Intervention“ untersucht am Beispiel Österreichs allerdings gerade nicht den Inhalt der Notrufe (zumindest nicht primär), sondern die gesellschaftlichen Debatten rund um den Notruf sowie die Praxis in den Leitstellen der Polizei, in denen die Aufforderungen zur Intervention, die aus der Bevölkerung kommen, bearbeitet werden. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Rolle digitaler Kommunikationstechnologien.

Zu den Forschungsfragen gehört allerdings auch, worum es bei der Notrufbearbeitung geht. In einer Abbildung stellt der Autor hier (S. 43) Forschungsfragen und Methoden gegenüber. Dabei geht es aber weniger um die eigentlichen Inhalte der Notrufe (Warum rufen die Menschen die Polizei?), sondern um eher übergeordnete Fragen (s. Abb.).

Es geht um „Konversationsanalysen“ (S. 14). Die Konversationsanalyse ist eine empirische Methode zur Erforschung mündlicher Kommunikation und sozialer Interaktion. Sie untersucht Ton- oder Videoaufzeichnungen natürlicher Gespräche, um die Regeln, Strukturen und praktischen Verfahren des menschlichen Miteinander-Sprechens aufzudecken. Verschiedene ethnomethodologische Studien haben sich mit diesem Problem beschäftigt (S. 14 f.).

Methodisch verbindet die Publikation eine Kritische Diskursanalyse der Medienberichterstattung über den Notruf mit ethnographischen Erhebungen. So hat der Autor Feldaufenthalte durchgeführt, wobei die Nacht ihm als Beobachtungszeit untersagt wurde (S. 62) und damit ein für das Notrufaufkommen wesentlicher Zeitraum wegfiel. Seine Ausführungen zu den teilnehmenden Beobachtungen in den Kontrollräumen (S. 60 ff.) sind methodologisch sicher interessant, inhaltlich aber (zumindest in Bezug auf das tatsächliche Verhalten bei der Notrufannahme) eher dürftig, was aber am Forschungsansatz des Autors liegt. Konkrete Beschreibungen oder auch Zitate aus den von ihm ebenfalls geführten Interviews finden man in dem Buch leider kaum (z.B. auf S. 198), doch gerade dies wäre zum Verständnis der Abläufe und auch der Analyse des Autors hilfreich gewesen. Stattdessen ist vom „polizeilichen Gespür in der Notrufbearbeitung“ (S. 291) die Rede, wobei auch dieses Kapitel wieder eine Abstraktionsebene erreicht, die es schwer macht, die konkreten Inhalte nachzuvollziehen.

Was die Studie somit nicht leistet (obwohl der Titel dies zumindest im Ansatz suggeriert) ist eine quantitative und qualitative Analyse dessen, was als Notruf bei der Polizei eingeht. Dem Verfasser geht es in seiner Arbeit um einen „innovativen Ansatz der Praxisformanalyse“. Dazu arbeitet er heraus, dass die übergreifenden Bezugsprobleme der Notrufbearbeitung in der Mobilisierung und Kontrolle von ziviler Wachsamkeit und polizeilicher Intervention liegen. Einerseits sollen Menschen dazu gebracht werden, ihre Umgebung aufmerksam zu beobachten und Störungen und Gefahren an die Polizei zu melden. Andererseits kontrollieren die Polizisten diese Meldungen im Notrufgespräch und modifizieren sie nach den Kriterien polizeilicher Intervention.

Im Spannungsfeld dieser komplexen Herausforderungen erzeugen, bewerten und verteilen die Notrufprozesse systematisch Wissen über Gefahrenereignisse, Alltagsstörungen und die Polizei selbst. Der Notruf ist daher nicht nur als schnelle Hilfe, sondern auch als „epistemische Praxisform[2] (Knopp) zu verstehen. Er ordnet Veränderungen des polizeilichen Notrufs gezielt in längerfristige Transformationen des Sicherheitssektors ein.

Für Knopp ist der Notruf zentrale Ressource eines neuen Polizeiparadigmas, in dem die Bevölkerung zur aktiven Mitwirkung an der gesellschaftlichen Sicherheit aufgefordert wird – wobei die Frage erlaubt sein muss, was daran wirklich neu ist, denn Notrufe bei der Polizei gibt es in Deutschland seit mehr als 50 Jahren[3].

Da die Leitstellen der Polizei grundlegend auf Kommunikationstechnologien angewiesen sind, untersucht die Studie, wie ein neues Einsatzleit- und Kommunikationssystem eingeführt wird und wie es die Produktion und Zirkulation von Wissen in der Notrufbearbeitung prägt. Die detaillierte Analyse zeigt unter anderem, wie Polizisten technische Features nutzen, um die Glaubwürdigkeit von Anrufenden zu bewerten und wie dieses epistemische Profiling bedeutungsvolle Differenz hervorbringt. Darüber hinaus wird nachgezeichnet, wie im Einsatz Interventionsräume konstruiert werden und wie das Geben und Nehmen zwischen Leitstelle und Streifendienst die Mobilisierung zu Einsätzen dynamisiert.

Die Studie versteht Sicherheit als eine Form des Antwortens auf soziale Herausforderungen, die über bestimmte Fähigkeiten verfügt und Verpflichtungen unterliegt. Sie ist somit ein Mosaiksteinchen in der Auseinandersetzung mit polizeilichen Notrufen und Funkstreifenwageneinsätzen – allerdings eher für methodologisch Interessierte gedacht als für Kriminologen und Polizeiwissenschaftler, die sich mit den Inhalten der Notrufe und der Art und Weise, wie bspw. Funkstreifenwageneinsätze organisiert werden, beschäftigen wollen. Aber als Hintergrundwissen sind die Ergebnisse der Studie in jedem Fall nützlich.

Das Buch  ist auf der Seite des Österreichischen Wissenschaftsfonds und auch auf der Website des Verlages digital kostenfrei verfügbar.

Thomas Feltes, August 2026

[1] Feltes, Polizeiliches Alltagshandeln. Konsequenzen für eine „neue Polizei“ aus einer Analyse von Notrufen und Funkstreifeneinsatzanlässen. In: Kriminologische Forschung in den 80er Jahren, Bd.1, hrsg. von G. Kaiser, H. Kury, H.-J. Albrecht (Kriminologische Forschungsberichte aus dem Max-Planck-Institut, Bd.35/1) Freiburg 1988, S.125-156; verfügbar hier sowie ders., Polizeiliches Alltagshandeln – Ergebnisse einer Analyse von Notrufen und Funkstreifenwageneinsätzen. Arbeitspapier Institut für Kriminologie der Universität Heidelberg; verfügbar hier und Feltes/Dreher, Notrufe und Funkstreifenwageneinsätze bei der Polizei. Eine empirische Studie in drei Polizeidirektionen in Baden-Württemberg, Holzkirchen 1996; verfügbar hier.

[2] „Eine epistemische Praxisform bezeichnet Tätigkeiten, Handlungen oder Prozesse, durch die Wissen erzeugt, validiert, verändert oder weitergegeben wird. Sie verbindet theoretische Erkenntnis (griech. episteme) mit praktischem Handeln und sozialen Strukturen“ (Google KI).

[3] Den bundesweit einheitlichen Polizeinotruf 110 gibt es in der Bundesrepublik Deutschland offiziell seit 1973. Davor gab keine einheitliche Nummer; man musste die lokalen Nummern der Polizeiwachen wählen. In der DDR waren die 110 (Polizei) und 112 (Feuerwehr) bereits seit mindestens 1958 als einheitliche Nummern aktiv.