Kathrin Fischer, Achtsam geht die Welt zugrunde. Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandel blockiert. 256 Seiten, hanserblau, München 2026, ISBN 978-3-446-28570-5, 22.- Euro (Hardcover), 16,99 Euro (e-book).
Die Mehrheit der Deutschen ist sich der wachsenden Ungleichheit in unserer Gesellschaft bewusst und unzufrieden mit
ihr. Gesundheitliche und soziale Probleme nehmen zu, gleichzeitig nimmt die Suche nach individuellem Glück zu. Aber was hat das mit der „Ideologie der Achtsamkeit“ zu tun und mit Helmut Schelsky? Und mit dem „buddhistischen Geist des Kapitalismus“? Die Autorin, selbst jahrelang der Achtsamkeitskultur verfangen, legt ein wütendes und zorniges Buch vor, das sich mit Yoga, Meditation und anderen Achtsamkeitstechniken beschäftigt. Es ist im Ergebnis eine gnadenlose Abrechnung mit unserem kapitalistischen System, das sich diese Techniken zunutze macht.
Fangen wir bei Schelsky an: Er hatte Anfang der 1950er Jahre den Begriff der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ geprägt. An diese glaubt heute niemand mehr angesichts der ständig wachsenden Schere zwischen Arm und Reich, zwischen immer mehr Luxusgütern auf der einen, armutsbedingtem Verzicht auf Heizen auf der anderen Seite. Gewinne aus Vermögen wachsen schneller als Lohn, Deutschland gehört zu den Ländern mit der größten Vermögensungleichheit, vergleichbar mit Indien (S. 185).
Wir versuchen nur noch, das Selbst zu verändern, nicht mehr die Welt. Die individuell hilfreiche Praxis der Achtsamkeit hat eine übermäßige Ausweitung erfahren und ist zu einer politischen Anpassungsstrategie geworden. Damit überschreitet sie ihre Grenzen. Es wird Zeit, nicht länger ausschließlich das Selbst als veränderungsbedürftig zu betrachten, sondern die Welt als veränderbar (S. 15).
Ängste, Depressionen und andere psychische Krankheiten, Fettleibigkeit, Schulversagen, die Zahl der Gefängnisstrafen und Drogenmissbrauch nehmen zu. Gleichzeitig sinkt das gegenseitige Vertrauen der Menschen innerhalb der Gesellschaft. Fischer verweist darauf, dass gesundheitliche und soziale Probleme signifikant häufiger in Ländern vorkommen, in denen die Einkommensschere weit geöffnet ist und verweist dabei auf die Studie von Wilkinson und Pickett („Gleichheit ist Glück“).
„Vermögen und sozialer Status sind so ungleich verteilt wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. 2017 … (besitzen) acht Milliardäre so viel (…) wie 3,6 Milliarden Menschen zusammen. Seit 2015 verfügt das reichste Prozent der Weltbevölkerung über mehr Vermögen als der gesamte Rest der Menschheit. … Menschen konkurrieren um Chancen, Wohlstand und Anerkennung. Wer unterliegt, empfindet Scham, fühlt sich ausgeschlossen und strebt umso stärker nach sozialem Aufstieg. In einer stark individualisierten Gesellschaft – wie in Deutschland – gelten Statusverluste oft als persönliches Scheitern. Ständig fragen sich die Menschen daher: Kann ich meine Position halten? Wer gefährdet sie? Wie tief könnte ich fallen? Wie kann ich mich jemals sicher fühlen?“ (S. 148).
Gleichzeitig wachsen Angebot und Nachfrage nach individuellen Achtsamkeitstechniken, und hier setzt das Buch an. Immer mehr Menschen nutzen Achtsamkeitspraktiken als Zuflucht vor den Krisen unserer Zeit. Doch statt zu mehr Ruhe und innerer Stärke zu führen, treiben diese Techniken sie – so die Analyse von Fischer – noch tiefer hinein in das Hamsterrad aus Selbstoptimierung und Erschöpfung.
Achtsamkeit ist längst nicht mehr bloß eine persönliche Praxis, sondern hat sich – so die Autorin – zur Ideologie entwickelt, die gesellschaftliche Missstände individualisiert, negative Gefühle als unzulässig darstellt und die Gesellschaft weiter spaltet.
Aber, so fragt der geneigte Leser, wenn es schon nicht möglich ist, die äußere Welt zu gestalten, so könnte man doch immerhin auf die innere Welt Einfluss nehmen und für mehr individuelle Zufriedenheit und Glück sorgen? Was spricht dagegen?
Fischers Analyse lautet: Erstens bietet Achtsamkeit individuelle Lösungen für gesellschaftliche Probleme, die eben dadurch nicht wirklich gelöst, sondern stabilisiert werden. Zweitens verlagert sie konkrete Missstände auf eine existenzielle Ebene und hinterfragt drittens die Wahrnehmung sozialer Wirklichkeit, nicht aber die Verhältnisse selbst. Mit Resilienz erhebt sie viertens Anpassung zum Ideal, verkauft fünftens gestische Subversion als Widerstand und dehnt sechstens ihre Wirkung von der privaten in die öffentliche Sphäre aus (S. 161 ff).
Zuvor aber setzt sich die Autorin vorsichtig kritisch mit dem Achtsamkeitstrend auseinander und plädiert dafür, sich nicht länger ins Private zurückzuziehen, sondern gemeinsam eine gerechtere Zukunft zu gestalten. Sie bezieht sich dabei wesentlich auf das Buch „Viel Lärm um Achtsamkeit“ von Jacob Schmidt. Er sieht das eigentliche Problem in einer zunehmenden Erschöpfung und Sprachlosigkeit.
Der Hype um Achtsamkeit verweist auf ein gesellschaftliches Vakuum, schreibt er. Wenn der Hype um Achtsamkeit nicht das Problem, sondern nur ein Symptom ist: Worum geht es dann wirklich? Wieso erleben Menschen die Welt, in der sie leben und die sie mit anderen teilen, zunehmend als ungestaltbar? Wieso nehmen die Erfahrungen von politscher Ohnmacht zu, auf die die einen mit Rückzug und die anderen mit autoritärem Ressentiment reagieren?
Fischer fragt nach der Funktion der Achtsamkeit für die Gesellschaft, sie beleuchtet die sozialstrukturelle Perspektive (S. 49). Die „Technologien des Selbst“ hat bereits Foucault kritisiert. Menschen, die an sich selbst arbeiten, sollen sich optimieren, sich selbst regieren – damit Staat, Politik und Wirtschaft in Ruhe ihre kapitalistischen Ziele verfolgen können.
Das Buch ist in sechs Kapitel aufgeteilt: Im ersten Kapitel erzählt die Autorin die lange und verworrene Geschichte der Achtsamkeit, die mitnichten die seit Jahrtausenden unveränderte Meditationsform ist, als die sie verkauft wird. Es geht um die Frage, wie das Leben gelingen kann – und zwar das eigene, nicht das der Anderen (S. 38). Weil chronischer Stress und psychische Erkrankungen weltweit zunehmen, suchen immer mehr Menschen nach Methoden der Selbsthilfe. „Je mehr Stress, je mehr Achtsamkeit“ (S. 47). An den Ursachen des Stresses ändert das natürlich nichts.
Im zweiten Kapitel beschäftigt sie sich damit, wie Achtsamkeit zur ultimativen Antwort auf Stress und Erschöpfung wurde und fragt im dritten Kapitel nach den Ursachen. Die Antwort sucht sie weniger in unserer Kultur als in den neuesten Versionen des Kapitalismus: Finanz- und Tech-Kapitalismus und die durch sie wachsende soziale Ungleichheit machen das Leben für die meisten von uns teurer, unsicherer und bedrohlicher. Im vierten Kapitel begründet sie, warum sie Achtsamkeit für eine Ideologie hält, die sehr gut zu der neoliberalen bis libertären Prägung dieses aktuellen Kapitalismus passt. In dieser aktuellen Kapitalismusvariante kehre die Klassenfrage zurück. Deshalb fragt sie im fünften Kapitel, inwieweit die kultivierte Inszenierung der Achtsamkeit eine Abgrenzung gegenüber den unteren Klassen darstellt und damit diese Klassenkonflikte sogar anheizt. Im sechsten Kapitel antwortet sie auf die Fragen, was darauf folgte und was wir ändern sollen.
Am Anfang der Auseinandersetzung mit dem Thema stand für die Autorin die Frage: Was hat sich in unserer Gesellschaft verändert, dass Achtsamkeit seit den 1990ern die Antwort auf so viele Lebensfragen wurde? Warum sind wir so »achtsamkeitsbedürftig«? Achtsamkeit gelte als gute Antwort auf Stress und Erschöpfung. Doch kaum einer frage, woher dieser Stress komme.
Dabei liege es doch nahe, dass dieser Stress und die Erschöpfung mit den wesentlichen Veränderungen in unserer (Um)welt und damit auch in uns selbst zu tun hat. Stress ist immer eine Reaktion auf etwas: Auf zunehmende Verunsicherung, überbordende Belastung oder verlorengegangene Orientierung. Viele Menschen fühlen sich in einem täglichen Hamsterrad gefangen, aus dem sie nur den Ausweg sehen, sich mit sich selbst zu beschäftigen – auch weil sie (meist verständlicherweise) keine Möglichkeit sehen, das „Große Ganze“ zu verändern, also die grundlegenden gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen man lebt (und leidet).
Fischer geht in ihrem Buch daher auf politische und kulturelle Ursachen dieser Entwicklung ein: Finanz- und Techkapitalismus machen, so die Autorin, das Leben teurer, hektischer, unsicherer. Dazu geselle sich der Psychoboom seit 1968, der sagt: Glück liegt nur bei dir selbst. Das sei eine fatale Mischung: Sich verschlechternde Umstände plus die Überzeugung, diese Umstände seien bedeutungslos.
Ihre These lautet: Unser Selbst-Welt-Verhältnis ist aus dem Gleichgewicht geraten. Wir versuchen nur noch, das Selbst zu verändern, nicht mehr die Welt.
Der Begiff „Selbst-Welt-Verhältnis“ stammt vom Soziologen Jacob Schmidt, auf den sich Fischer immer wieder beruft. Er stellt Fragen wie: Wer bin ich? In welcher Welt lebe ich? Wie hängen mein Selbst und diese Welt zusammen? Selbst und Welt sind natürlich in einem Zirkelschluss miteinander verwoben – wir schaffen die Gesellschaft, sie prägt uns. Achtsamkeitspraktiken fokussieren aber eben nur das Selbst, und nicht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die dieses Selbst wesentlich beeinflussen.
Fischer sagt ausdrücklich, dass viele Menschen auf Yoga, Meditation oder Tai-Chi schwören und diese Techniken als hilfreich empfinden. Sie will diese Menschen auch nicht von ihrer liebgewonnenen Praxis abbringen. Der strukturelle Blick auf die Grundprobleme unserer Gesellschaft geht, so die Autorin, in der Achtsamkeitsideologie verloren.
Als Lösung schlägt sie vor, die eigenen Handlungen nicht als losgelöst zu betrachten, sondern zu begreifen, dass sie in soziale Normen eingebettet sind. Ihr Buch sei eine Einladung, zu hinterfragen, welche Funktion der Hype um Achtsamkeit in einer Gesellschaft hat, in der es fundamentale Probleme zu lösen gilt. Politische Probleme brauchen politische Lösungen. Achtsamkeit ist keine politische Lösung, sondern eine private Praxis.
Die Soziologin Greta Wagner nennt dieses Phantasma den „buddhistischen Geist des Kapitalismus“. Dieser Geist lebt von einer realitäts- und abhängigkeitsvergessenen Form der „Selbsteuphorisierung“. Er dient dazu, Leistungswillen, Anpassungsfähigkeit und Durchhaltevermögen zu stärken, indem er auch noch die letzten inneren Ressourcen mobilisiert. Denn obwohl er sich als Selbstfürsorge tarnt, ist dieser Geist kapitalistisch oder genauer: Er ist neoliberal (S. 54).
Dem Soziologen Hartmut Rosa zufolge erleben wir eine tiefgreifende Krise auf drei Ebenen: Die oberste betrifft die Ökologie, die mittlere die Politik, und die unterste unsere Beziehung zu uns selbst. Auf allen drei Ebenen, so Rosa, hat sich unser Weltverhältnis verwandelt: Es ist aggressiv geworden. Wir zerstören die Natur, in die sozialen Beziehungen kehren Kriege zurück und wir selbst sind dauernd erschöpft. Erschöpfung ist demnach weder individuelles Schicksal noch persönliches Versagen. Sie ist Ausdruck einer tiefgreifenden Krisenerfahrung (S. 62).
In Deutschland kommt uns nach einer Zeit von Frieden, Stabilität und Wachstum der Glaube an eine bessere Zukunft abhanden. Alle Menschen in Deutschland erleben vitale Bedrohungen wie die Klimakatastrophe, näher rückende Kriege, Pandemien und die möglichen Folgen von Künstlicher Intelligenz. Und die überwiegende Zahl der Menschen erlebt soziale Bedrohungen wie Geldsorgen, Abstiegsängste und bröckelnde Infrastrukturen. Mindestens die Hälfte der Deutschen sieht der Zukunft sorgenvoll entgegen. Dabei prägen vor allem zwei Ängste das Bild: die vitalen und die sozialen. Die vitalen Ängste bestehen in der Angst vor Krieg und den Folgen der Klimakatastrophe, sie spiegeln die Angst um das eigene Leben wider (S. 65). Die Menschen in Deutschland erleben diese Angst zwar unterschiedlich, sie prägt aber die gesellschaftliche Verfasstheit. Die „Ängste der Deutschen“ sind sprichwörtlich (vgl. meine Beiträge „Innere Sicherheit in unruhigen Zeiten. Von Ängsten und anderen Unsicherheiten“ (2021) und „Die „German Angst“. Woher kommt sie, wohin führt sie?“ (2019) und werden von Politikern immer wieder missbraucht, um ihre repressive Agenda zu legitimieren. Sei es in der Migrationspolitik, in Bereich von Strafverschärfungen oder – wie zuletzt – der Modifikation des Jugendstrafrechts.
Die Autorin selbst berichtet von ihren Schlafstörungen, und dass sie manchmal nur mit Schlaftabletten schlafen konnte. „Erholsam war das nicht, aber wenigstens konnten mich dann in der Nacht die Ängste nicht packen, die sich wie eine schwere Decke um mich legten und zu erdrücken drohten: individuelle Versagens-, Überforderungs- und Existenzängste ebenso wie Angst vor dem Scheitern der Demokratie, den Folgen des Klimawandels oder dem nächsten Krieg“ (S. 61). Das Vertrauen in die Welt war ihr abhandengekommen.
Durch das erschütterte Vertrauen in die Welt und damit in den Staat entsteht Staatsskepsis und Politikvertrossenheit, und grundsätzliche Zweifel daran, ob staatliche Organisationen in der Lage sind, effektiv und integer zu arbeiten. „Das kann dazu führen, dass Menschen ihre Bindung an demokratische Werte und Prozesse verlieren oder verstärkt antidemokratische Einstellungen entwickeln“ (S. 77 f.).
Die israelische Soziologin Eva Illouz nennt das „emotionalen Kapitalismus“. Wir sollen glauben, so die These von Fischer unter Bezugnahme auf Illouz, wir ganz allein seien Ursprung und Ursache unseres Leidens, und daher brauche es psychologische Deutungen, die die neoliberale Ideologie liefert. Gefühle sind in der Mitte zwischen Selbst und Welt angesiedelt, und nicht einseitig im Selbst, wo man sie einhegen und therapieren kann. „Indem wir uns nur noch als psychologische, vielleicht noch als zu optimierende biologische, aber kaum noch als soziale Wesen begreifen, haben wir den Boden bereitet dafür, Milliarden in individuelle Stressbewältigung zu stecken und eine „hungrige und gierige Selbstverbesserungsmaschinerie“ (Illouz S. 19) zu füttern (S. 150).
Ach so, ja, einen Wermutstropfen gibt es dann doch noch: Das Buch enthält zwar Zitat- und Quellennachweise, allerdings sind die Verweise und Quellen selbst nicht im Buch abgedruckt, sondern man muss über einen QR-Code eine pdf-Datei herunterladen. Warum? Tatsächlich sind das nur ca. 20 Seiten, die zudem für das Buch bereits fortlaufend paginiert sind. Muss man als Verlag an diesen 10 Blättern wirklich sparen, zumal dadurch auch Autorennamen bzw. genaue Quellenangaben zu Zitaten im Buch dadurch fehlen gehen.
Ansonsten aber: Ein Buch, dessen Lektüre sich lohne, weil sie nachdenklich macht. Ob wir uns dann tatsächlich „die Welt zurückholen“ können (so die Überschrift des letzten Kapitels im Buch von Fischer), bleibt fraglich. „Was soll ich denn noch alles tun?“ (S. 228) fragt die privat und beruflich gestresste Freundin der Autorin. Die Ratlosigkeit, was man gegen die „rasende Fahrt mit höchst ungewissem Ausgang“ (S. 229) tun kann, steht im Rau. Innehalten – eine Möglichkeit. Fischer bringt dafür Beispiele (ab S. 230), die zumindest Ansätze bieten, auch wenn es „kein richtiges Leben im falschen Eigentum“ (S. 237) geben kann. Den „Möglichkeitssinn wiederzufinden“ ist eine Aufgabe. Keine leichte.
Thomas Feltes, August 2026