Randall Collins, Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie. Hamburger Edition der HIS-Verlagsgesellschaft, Hamburg 2023, 736 Seiten, ISBN 978-3-86854-389-6, 20.- Euro; pdf und epub 15.99 Euro
Gewalt, vor allem körperliche, wird im öffentlichen Verständnis oftmals als eindimensionale Aktion gesehen. Dabei
spielen sehr unterschiedliche Aspekte im Hintergrund sowie vor und während einer Gewalthandlung eine Rolle, und die Dynamik, die zum Gewaltgeschehen führt und die den Ablauf der Gewalt bestimmt, bleibt oftmals außen vor. Der amerikanische Soziologe Randall Collins[1] untersucht dieses Thema, von der häuslichen Gewalt über Mobbing und gewalttätigen Sportarten bis hin zu bewaffneten Konflikten. Er erklärt, warum sich Gewalt typischerweise gegen Schwächere richtet und warum »Vorwärtspanik« ihren Ausbruch begünstigt. Er zeigt, warum sie als ritualisierte Zurschaustellung, als klandestiner Terrorakt oder Mord inszeniert wird und warum nur wenige dazu fähig sind, Gewalt tatsächlich auszuüben.
Collins legt vor allem aber präzise dar, warum Gewalt nur ausgelöst werden kann, wenn die emotionalen Barrieren fallen, die gewalttätiges Handeln verhindern. Die Originalausgabe des Buches ist 2008 in den USA erschienen und wurde zuerst 2011 ins Deutsche übersetzt im Hamburger Verlag herausgebracht, bevor 2023 eine preislich günstigere Studienausgabe erschien. Die neue Auflage ist auch und besonders zum gegenwärtigen Zeitpunkt wichtig, wo Gewalt weltweit neue Dimensionen annimmt, und zwar sowohl die direkte, interpersonale, als auch die strukturelle, die politisch motivierte und die Gewalt zwischen Staaten, die neue Strukturen aufweist und nur noch bedingt unter dem Stichwort „Krieg“ gefasst werden kann, zumindest wenn man sich die Protagonisten Trump, Putin und Netanjahu ansieht.
Es gibt viele Typen von Gewalt, die sich nicht nur von der Dauer und Intensität her unterscheiden, sondern auch von der Motivation der Agierenden. „Gewalt kann leidenschaftlich und wütend ausfallen wie bei einem Streit oder gefühllos und unpersönlich auftreten wie bei der bürokratischen Verwaltung der Gaskammern. Sie kann Spaß machen wie bei einer Keilerei unter Betrunkenen, von Angst geprägt sein wie bei Soldaten im Kampf oder von Bösartigkeit wie bei einem Folterer. Sie kann sich heimlich und im Verborgenen Luft machen wie bei einem Lustmord oder öffentlich wie bei einer rituellen Hinrichtung. Sie dient in Form von Sportveranstaltungen, einem spannenden Drama, einem Action- oder Abenteuerfilm oder als Hauptmeldung der Nachrichten programmierter Unterhaltung“ (S. 9).
Dieses breite Spektrum lässt sich, so Collins, gleichwohl mit Hilfe einer vergleichsweise knappen Theorie erklären. Denn ob und wie es zu den einzelnen Formen von Gewalt kommt, hängt seiner Auffassung nach im Wesentlichen von einigen wenigen Prozessen ab, die in wechselnden Kombinationen auftreten und sich mit unterschiedlicher Intensität entfalten.
Zwei Schritte sind dabei für die Analyse wesentlich. Zum einen will Collins die Interaktion und nicht das Individuum oder den sozialen oder kulturellen Hintergrund oder gar die Motivation ins Zentrum der Untersuchung rücken. Er will den Blick auf die Besonderheiten gewaltsamer Situationen lenken und sich dabei so nah wie möglich an die Dynamik solcher Situationen herantasten. Zum anderen will er quer zu den unterschiedlichen Gewaltformen Vergleiche anstellen. Wir müssen, so seine These, die üblichen Kategorien wie Mord, Krieg, Misshandlung oder Polizeigewalt überwinden und uns stattdessen an die Situationen halten, die sich jeweils ergeben. Er will dabei die Bandbreite der situativen Varianten vergleichen.
Seine mikrosoziologische Theorie stellt nicht den Täter in den Mittelpunkt der Untersuchung, sondern die Situation. Dabei geht es um Emotionen, und um die Tatsache, dass die meisten Menschen eben nicht gewalttätig sind oder werden. Gleiches gelte, so Collins, auch für die (in Deutschland bspw. von Christian Pfeiffer) vertretene These, dass Gewalttäter typischerweise als Kind selbst Gewalt zum Opfer gefallen seien. Es geht Collins um die Täter-Opfer-Verstrickung, um die Dynamik, die sich manchmal länger vor der Tat, oftmals aber auch ganz kurz davor (wie bei Polizeigewalt) entwickelt.
Ein eigenes Kapitel widmet Collins daher dem Thema Polizeigewalt, das er mit „Herr der Lage oder Action-Sucher: Polizisten“ überschreibt (S. 566 ff.). Unter Verweis auf die US-amerikanische Forschung geht er davon aus, dass Polizeigewalt etwas Seltenes sei. Was vor dem Hintergrund der bundesdeutschen Diskussion dieses Themas und den Forschungen von Singelnstein u.a. auf den ersten Blick etwas seltsam anmutet (und angesichts der deutlich gewaltbereiteren Polizei in den USA sowieso) ist die Tatsache, dass er Polizeigewalt als seltenes Ereignis sieht. Sein Argument: Unser Bild von Gewalt basiert auf besonders dramatischen Situationen, was sicherlich zutrifft. Wenn wir uns bspw. das Thema Polizeigewalt gegen Menschen in psychischen Ausnahmesituationen ansehen, oder den sog. „Lagebedingten Erstickungstod“, dann übersehen wir leicht, dass in den allermeisten Einsatzfällen solche Situationen von der Polizei ohne Verletzungen oder gar Todesfälle gelöst werden. Umso wichtiger erscheint es, sich diese Fälle, die offensichtlich „aus dem Ruder“ gelaufen sind, näher anzusehen, wie dies Andreas Ruch und ich demnächst tun werden.
Gewalt ist, so Collins, kein leichter oder automatisch ablaufender Prozess, und es muss einiges geschehen, um sie auszulösen. Die meisten Menschen gehen solchen Situationen der Gewalt aus dem Weg. Zu Gewaltanwendung durch Polizeibeamte kommt es seiner Auffassung nach vor allem dann, wenn der Verdächtige den Polizeibeamten bedroht, angreift, flüchtet (beziehungsweise einen entsprechenden Eindruck erweckt) oder sich den Anweisungen der Polizisten widersetzt, sich nicht respektvoll verhält (s. dazu Feltes/Klukkert/Ohlemacher 2007) und sie beschimpft (S. 567 unter Verweis auf Friedrich, Police Use of Force, 1980). Der mit Abstand wahrscheinlichste Auslöser von Polizeigewalt ist körperlicher Widerstand.
Polizeiberichte und Beobachtungen, die Forscher bei Einsätzen gemacht haben, zeigen, so Collins, keinerlei Korrelation mit den Faktoren Hautfarbe Bildung Militärdienst oder Ergebnis des Einstellungstests ebenso wenig wie mit der Einstellung zur Rolle als Polizist. Allerdings bezieht sich Collins auch hier auf die inzwischen wohl veralteten Studien von Friedrich (s.o.) und Geller/Toch (1997). Toch zufolge sei das auffälligste Persönlichkeitsmerkmal von gewaltbereiten Polizisten, dass sie extrovertiert und dynamisch, ja sogar »zuvorkommend, intelligent und charmant« seien.
Collins zeichnet (mit Parallelen zum Militär) ein Bild des Elitekämpfers, der im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht und von der Gruppe reichlich soziale Unterstützung bekommt und außerdem emotionale Energie, indem er andere dominiert (gewaltlos wie gewaltsam). Polizisten seien auf der Suche nach Action und fühlten sich ihrem Beruf sehr verpflichtet. Die gewalttätigsten Polizisten bekämen gute Beurteilungen und seien bei ihren Kollegen beliebt. Das liege auch daran, dass sie oft dynamisch und extrovertiert sind. Sie seien „informelle Anführer“. Das passe zu einem grundlegenden Prinzip, das man in kleinen Gruppen immer wieder findet: Innerhalb der Gruppe sind diejenigen am beliebtesten, die die Werte der Gruppe am besten verkörpern und das am besten können, was die Gruppe verbindet.
Untersuchungen des Polizeialltags zeigen, so Collins, dass Polizisten immer versuchen, die Situation von Anfang an zu kontrollieren, nicht nur, wenn sie auf Verdächtige treffen, sondern auch gegenüber Normalbürgern. Alpert und Dunham sprechen in diesem Zusammenhang von einem » Ritual zur Aufrechterhaltung der Autorität«, was wir auch in unseren Studien zu „Police Use of Force“ zeigen konnten (vgl. Klukkert, Ohlemacher, Feltes 2009).
Dem polizeilichen Interaktionsverständnis zufolge muss ein guter Polizist stets Herr der Lage sein und im Zweifelsfall lieber zu aggressiv auftreten als zuzulassen, dass die andere Seite die Kontrolle über die Situation übernimmt. Dies umso mehr, wenn er es mit einem Verdächtigen zu tun hat, der seine Autorität in Frage stellt. Sobald eine solche Situation sich zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zu entwickeln droht, stehen Polizisten vor eben dem Problem, das Collins in seinem diesem Buch immer wieder analysiert: Sie müssen sich mit ihrer Konfrontationsanspannung und Konfrontationsangst auseinandersetzen.
Es überrasche daher nicht, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Polizisten gewalttätig sei, weil nur wenige Menschen diese Konfrontationsanspannung und -angst überwinden. Zu Polizisten, die diese Situation meistern, blicken die anderen Polizisten auf (S. 569).
Die von Collins aus den amerikanischen Studien übernommene Aussage, nach der die Beamten, die zwischen 30 und 50 Jahre alt sind, die gewalttätigsten sind, kann man für Deutschland nur teilweise bestätigen. Die sog. „MEGAVO-Studie“ der Deutschen Hochschule der Polizei stellt zwar ein Generationenwandel fest und dass die neue Generation andere Prioritäten setze, die dem Beruf weniger Gewichtung zukommen lasse, als dem Privatleben. In den Interviews mit Polizeibeamten wurden als Eskalationsfaktoren bei Gewalt neben dem männlichen Geschlecht, dem geringen (Dienst-)Alter und erhöhter Risikobereitschaft genannt. Generell fanden sich aber in beiden MEGAVO-Erhebungen nur sehr schwache Alters- und Geschlechtereffekte. Anders in der KviAPol-Studie von Singelnstein u.a.: Hier zeigte sich, dass den Angaben der Opfer von Polizeigewalt zufolge vor allem männliche Polizisten im Alter bis 30 Jahre Gewalt anwendeten. Es kann also durchaus sein, dass jüngere Einsatzkräfte, die sich noch am Anfang ihrer Laufbahn befinden, häufiger physische Gewalt anwenden und seltener auf deeskalierende Strategien zurückgreifen als ältere Beamte. Andererseits sind jüngere Beamte aber auch in den Situationen, in denen es zu Polizeigewalt kommt (Demonstrationen, Einsätze bei Fußballspielen u.ä.) deutlich überrepräsentiert, weil dort meist Beamte der Bereitschaftspolizei eingesetzt werden. Der Abschlussbericht der MEGAVO-Studie verdeutlicht, dass das Alter eng mit der Verwendung im Dienst verknüpft ist. Ältere Beamte arbeiten deutlich seltener im klassischen, konfliktträchtigen Einsatz- und Streifendienst oder in Einsatzhundertschaften. Durch den Wechsel in den Innendienst, die Ermittlungsdienste oder in Führungspositionen im Alter sinken die Gelegenheiten für physische Konfrontationen im öffentlichen Raum automatisch.
Polizisten verbringen ihre Freizeit gern mit Kollegen, gegenüber allen anderen sind sie misstrauisch. Das interpretiert Collins so, dass Polizeibeamte es gewohnt sind, andere zu dominieren, und daher außer Dienst Situationen vermeiden, in denen das nicht möglich ist. Diese permanente Selbstabschottung der Polizisten vom Rest der Bevölkerung sorge für eine gewisse Polarisierung und kulturelle Isolation. Auch dem ist zuzustimmen, wobei man gerne gehört hätte, was Collins vor diesem Hintergrund zum Thema persönliche Paarbeziehungen von Polizisten zu sagen hat.
Der Drang, Situationen von Anfang an zu kontrollieren und keinerlei Schwäche zu zeigen, komme daher, so Collins, dass Polizisten immer in der Minderheit seien und daher Angst hätten, überwältigt werden. Dies mag für die USA und auch dort nur in bestimmten Großstadtgebieten richtig sein, für Deutschland trifft dies nur bedingt zu. Zutreffend ist aber seine Feststellung, dass die Idealvorstellung von Polizisten so aussieht, dass sie jede Phase einer Konfrontation kontrollieren. Im Grunde geht es, wie wir auch gezeigt hatten, bei Polizeigewalt um die Wahrung der Autorität, was aber, so Collins nicht erkläre, warum manche Polizisten in dieser Hinsicht so viel extremer agieren als andere. „Die gewalttätige Minderheit unter den Polizisten, die „Cowboy-Cops“, reagieren nicht nur mit Gewalt, wenn sie bedroht werden oder auf Widerstand stoßen. Sie sind förmlich auf der Suche nach Action“ (S. 571).
Bekannt in Deutschland sind sie sogenannten „Widerstandsbeamten“, die immer wieder dadurch auffallen, dass sie wie ein Magnet Probleme anzieht und Anzeigen wegen Widerstands produzieren. Tatsächlich war auch der Polizeibeamte, der für den Tod von George Floyd in den USA verantwortlich war, einschlägig vorbelastet. Gegen ihn waren mindestens 17 Beschwerden bekannt. Dennoch hatten diese Beschwerden keine Auswirkungen: „Thousands of Complaints Do Little to Change Police Ways“, wie die New York Times am 30.05.2020 titelte. Zu den polizeiintern bekannten „Problemrevieren“ kommt das bekannte Problem der „Problembeamten“. Hierbei kann es sich um Beamten handeln, die aufgrund von Alkohol- oder Suchtproblemen einer besonderen Beobachtung bedürfen, die offensichtliche psychische Probleme haben (die Suizidrate in der Polizei ist um ein vielfaches höher als in der Bevölkerung oder in anderen Berufsgruppen), oder die häufiger und intensiver als andere in körperliche Auseinandersetzungen mit Bürgern verwickelt sind. Diese Beamten sind polizeiintern bekannt, werden aber oftmals geduldet, weil man sich nicht traut, die persönlichen Probleme offen anzusprechen, weil sie besonderes Durchsetzungsvermögen haben, durch bestimmte Einsätze, in denen sie Kollegen geholfen haben, einen „positiven“ Ruf haben, oder weil man sich nicht traut, dieses Thema anzugehen.
Während Schilderungen von (ehemaligen) Polizeibeamten vorliegen, die „Gewalt als Lösung“ sehen („Ich wollte den Kampf. Ich wollte endlich diesem Typen meine Faust ins Gesicht rammen“, Schubert, Gewalt ist eine Lösung. Morgens Polizist, abends Hooligan. München 2010, S. 200), beschäftigt man sich mit der Psychologie von Widerstandsbeamten nur selten.
Collins beschreibt auch Beamte, die Lust am „Katz und Maus“-Spiel haben, oder daran, Flüchtlinge zu verfolgen. Auf die Problematik, wie diese Beamten in seine Gewalttheorie passen, geht er leider nicht ein. Denn auch in Deutschland sind solche Beamten, die ständig auf der Suche nach „action“ sind und daher sich bspw. gegen Rotationsbestrebungen wehren, die dafür sorgen sollen, dass Beamte, die in problematischen Stadtgebieten eingesetzt sind, regelmäßig in (ruhigere) Gebiete versetzt werden sollen.
Eine deutlich andere Sichtweise skizziert Stephanie Schmidt in ihrer ethnografischen Studie „Affekt und Polizei“ (s. die Besprechung des Buches hier). Sie fasst ihre Beobachtungen zu „Wut- und Aggressivitätspraktiken“ bei Polizeibeamten als „kommunizierende Emotionspraktiken, die Vorstellungen einer als normativ verstandenen gesellschaftlichen Ordnung nach außen vermitteln“ zusammen. „In diesem Sinne werden Praktiken des doing anger der Polizei zum Kapital, durch das sie Durchsetzungsfähigkeit, Entschlossenheit und Dringlichkeit performativ darstellt“ (Schmidt S. 327).
Es geht aber, um das noch einmal deutlich zu machen, nicht um die kontrollierte Gewaltausübung, die bspw. Wacquant bei Boxern beschreibt, sondern um exzessive, überbordende Gewalt. Und dabei spielen, wie Collins deutlich macht, Emotionen eine wichtige Rolle, aber auch das langsame und schnelle Denken (vgl. Feltes/Jordan 2017).
Collins selbst beschreibt den damit im Zusammenhang stehenden „Tunnelblick“ (S. 605), der alles andere ausblendet – bis hin zur Frage, ob der von Polizeigewalt Betroffene schwer verletzt ist und Hilfe benötigt, und der lt. Collins auch für „viele Treffer aus Kugeln aus den eigenen Reihen verantwortlich“ ist (S. 608). Zudem will Collins nicht zwischen hektischen und ruhigen Strategien trennen, wenn es um die Effektivität geht (S. 617), gibt aber zu, dass diejenigen, die hektische Gewalt ausüben, eher zu den aktiv Gewalttätigen gehören.
„Gewalt als Dominanz der emotionalen Aufmerksamkeit“ ist der Titel eines eigenen Kapitels in Collins Buch (S. 624 ff.), in dem er (bezogen auf das Thema allgemein) deutlich macht, dass Gewalt kein Produkt isolierter Individuen ist, sondern eines ganzen Raums, „der durch emotionale Aufmerksamkeit definiert wird“ (S. 624).
Am Ende fasst Collins seine Theorie noch einmal zusammen, wenn er behauptet, dass man aus Nichtkämpfern keine Kämpfer machen könne (S. 677). Zwar gäbe es entsprechende Schulungs- oder Trainingsansätze. Aber zwischen der in den Genen angelegten Fähigkeit, wütend oder aggressiv zu werden, und kompetenter Gewaltausübung liege ein weiter Weg. Vielmehr gehe es hier um Interaktionsstrukturen, nicht um individuelle Merkmale. Die Tatsache, dass manche Individuen eher Gewalt anwenden als andere, könne man als die Art und Weise betrachten, wie soziale Interaktion funktioniert. „Es gibt einen Prozess, durch den die Gewalttätigkeit der Mehrheit begrenzt wird, und dabei handelt es sich um den gleichen Prozess, durch den die Gewalttätigkeit einer kleinen Minderheit hervorgebracht wird. Die emotionale Erregung einer Gruppe, die sich in einer Konfrontationssituation befindet, fließt von einigen Teilen der Gruppe weg, hin zu anderen. Die kollektive Wallung der gegenseitigen Verstrickung differenziert sich nach emotionaler Qualität und Intensität. Einige sind relativ passiv, empfinden mehr Anspannung und Angst und verlassen sich eher auf andere in der Gruppe, die den Ton angeben und aktiv werden, während diese an Initiative, Selbstvertrauen und Begeisterung gewinnen. Letztere sind deshalb in ihrer Zahl begrenzt, weil sie von einem Mechanismus profitieren, der die emotionale Kraft der Gruppe konzentriert und in ihnen bündelt“ (S. 678).
Schlussendlich wäre es spannend zu wissen, wie Collins die jüngsten Entwicklungen in den USA zu Polizeigewalt durch ICE bewertet und ob er sie in seine Theorie einbauen kann. Fragt man Google KI, so erhält man folgende Antwort (Stand 19.07.2026):
„Der Soziologe Randall Collins hat sich in seinen Schriften nicht explizit oder spezifisch zur US-Migrationsbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement) geäußert. Allerdings lassen sich seine Kerntheorien zur Mikrosoziologie der Gewalt direkt auf staatliche Institutionen, Polizeigewalt und die Dynamiken bei Abschiebungen oder Razzien anwenden:
Das Konzept der „Vorwärtspanik“ (Forward Panic): Collins argumentiert, dass Gewalt nicht leichtfällt, da Menschen eine natürliche Barriere aus Konfrontationsangst und Anspannung (Confrontational Tension/Fear) überwinden müssen. Wenn staatliche Akteure unter hoher Anspannung stehen und plötzlich eine Schwäche oder Flucht beim Gegenüber (z. B. flüchtenden Migranten) wahrnehmen, entlädt sich diese angestaute Energie oft in Form einer „Vorwärtspanik“. Dies führt zu exzessiver, oft unkontrollierter Gewaltanwendung, die weit über das befohlene Maß hinausgeht.
Angriffe auf die Schwachen: Echte physische Gewalt bricht laut Collins meistens dann aus, wenn eine klare Asymmetrie herrscht. Gewaltspezialisten attackieren bevorzugt Opfer, die emotional oder physisch bereits dominiert sind. Auf die ICE übertragen bedeutet dies, dass schutzlose, isolierte oder verängstigte Gruppen im Zuge von Festnahmen besonders anfällig für institutionelle Übergriffe sind.
Situationsdynamik vor Struktur: Aus Collins’ Sicht ist behördliche Gewalt selten das reine Produkt von ideologischem Hass oder Makro-Strukturen. Vielmehr entsteht sie durch das akute Versagen von Kontrollroutinen in der direkten Face-to-Face-Interaktion vor Ort.
Zusammenfassend würde Collins die Gewalt von ICE-Beamten nicht primär politisch, sondern als das Resultat von situationsbedingter Angst, dem Streben nach emotionaler Dominanz und dem plötzlichen Kollaps von Interaktionsroutinen erklären“.
Eine Nachfrage bei Collins per E-Mail, was er zu dieser Aussage der KI sagt, blieb bis jetzt unbeantwortet. Sollte noch eine Stellungnahme von ihm eingehen, werde ich sie hier nachtragen.
Ungeachtet dessen ist am Ende dieser etwas ausführlicheren Besprechung nochmal hervorzuheben, wie wichtig diese Studie von Collins für jede Diskussion zum Thema Gewalt ist. Mit der „Dynamik der Gewalt“ kann mehr erklärt werden als mit herausgehobenen individuellen oder sozialen Merkmalen des Gewaltanwendenden. Daher sind alle, die versuchen, Gewalthandeln zu erklären, gut beraten, sich die konkreten, dynamischen Abläufe vor, während und teilweise auch nach der Anwendung von (legitimer oder illegitimer) Gewalt genau anzusehen.
Thomas Feltes, Juli 2026
[1] Randall Collins, Prof. Dr., Inhaber des Dorothy-Swaine-Thomas-Lehrstuhls für Soziologie an der University of Pennsylvania. Randall Collins lehrt außerdem Soziologie im Fachbereich Kriminologie.