Monchi, Jenseits der Brandmauer. Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz. Kiepenheuer und Witsch, Hamburg 2026, 224 S., ISBN: 978-3-462-05530-6, 20.- Euro (e-book 16,99 Euro)
Nach vielen Jahren in Rostock kehrt Monchi (der Sänger der Band „Feine Sahne Fischfilet“) in die vorpommersche
Provinz nach Jarmen zurück, einer „Stadt“ mit 3.000 Einwohnern. Dort hatte bei der letzten Bundestagswahl mehr als jeder zweite AfD gewählt – wie in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Monchi kann das kaum fassen, obwohl er damit gerechnet hat. In dem Buch schreibt er über seine eigene Geschichte, sein Aufwachsen in Jarmen „ab Tag 1“ und seine Einschätzung der „Brandmauer-Diskussion“. Authentisch, klar und meinungsstark.
Monchi (Jan Gorkow) ist Sänger und Texter von „Feine Sahne Fischfilet“, einer Band aus Mecklenburg-Vorpommern[1]. Mit seinem zweiten Buch will er gegen Schwarz-Weiß-Denken angehen. Er plädiert für den Versuch eines Miteinanders, gerade dann, wenn die Gegensätze unüberwindbar scheinen.
Monchi hat dieses Buch – eigenen Angaben zufolge – „innerhalb von ein paar Wochen runtergeschrieben, und zwar so, wie ich denke, wie ich laber, wie ich fühle. Es war wie eine Achterbahnfahrt“ (S. 221). Er wollte „nicht das hundertste Anti-AfD-Buch schreiben, sondern ein Buch über mein Leben in der ostdeutschen Provinz, mit all meinen Fragezeichen, mit all meinen Gedanken“ (S. 221). Und das ist ihm, um das vorwegzunehmen, gelungen.
Zu dem Tag nach der letzten Bundestagswahl schreibt Monchi: „Ich bin in Sachen Wahlen über die Zeit ein bisschen abgestumpft. … Mir ist klar, dass das pauschalisierend ist. Aber wer Differenzierung erwartet, ist hier im falschen Kapitel gelandet. Denn heute ist kein guter Tag. Ich meine es nicht mal böse, aber je öfter ich solche Abende vorm Bildschirm verfolgt habe, desto öfter hatte ich das Gefühl, all die Statements, die so auswendig gelernt wirken, schon vorher nahezu wortgleich selbst aufsagen zu können. In den seltensten Fällen quatscht da mal jemand frei von der Leber weg“ (S. 8).
Dennoch glaubt Monchi, dass „nicht mal ansatzweise der Peak der Scheiße erreicht ist“; die Wählerschaft sei noch nicht vollständig mobilisiert (S. 21) und manchen sei die AfD noch zu lasch. Gleichzeitig haben die meisten, mit denen er redet, Angst. Angst vor einem Krieg mit Russland, Angst vor dem sozialen Abstieg. „Angst in ihren unterschiedlichen Formen ist omnipräsent. Und gegen Angst kann man schlecht argumentieren“ (S. 38).
Und es geht um Emotionen, die man dumm oder nicht nachvollziehbar finden mag, aber „es sind erstmal ihre Emotionen“, und um die habe die AfD den Kampf bei vielen gewonnen (S. 40). Die Leute in Mecklenburg-Vorpommern haben zu „99,9“ nicht geerbt“. Es gäbe eben nicht nur Wendeverlierer, sondern auch die, die „Schiss davor (haben), dass das, was ihnen wichtig ist, zugrunde geht“ (S. 48).
Monchi spricht auch sein Verhältnis zu Polizisten an, und warum er das Lied „Wut“, in dem die Zeile „Niemand muss Bulle sein“ vorkommt (die man immer wieder auf T-Shirts bei Ultras findet), nicht mehr singen will. Er habe gemerkt, dass er sich immer mehr wie ein Schauspieler fühle, wenn er das Lied auf der Bühne singt, und er habe „keinen Bock mehr darauf, diese Leute (Polizisten, TF) zu entmenschlichen“ (S. 139). Er schämt sich auch teilweise für Sätze von damals, und muss sich selbst daran erinnern, wie jung er war – um darüber schmunzeln zu können. „Es war Wohlstandsverwahrlosung“ benennt er es selbstkritisch (S. 150).
Zur Diskussion um die Frage, ob und was alles schlecht ist in Mecklenburg-Vorpommern wird gerne auf die deutlich besseren Straßen als im Westen verweisen. Monchi verweist dazu und zur ständigen Kritik immer wieder auf seine eigenen Erlebnisse und die Widersprüchlichkeit, die seine Gesprächspartner auszeichnen – ohne dies aber in der Regel zu merken: „Natürlich gibt es hier genug, was man verbessern kann und auch sollte. Mir ist selbst klar, dass das Argument mit den schönen Straßen nur die Oberfläche betrifft. Aber global betrachtet leben wir noch immer im Paradies. Ich stand letztens auf einem Flohmarkt und hab mitbekommen, wie sich jemand darüber ausgekotzt hat, dass das Kita-Essen ja immer teurer werde und dass für alles Geld da sei, aber » für unsere Kinder nicht«. Der Witz ist nur: Mecklenburg-Vorpommern ist eines der wenigen Bundesländer, in denen Kita, Krippe und Hort nahezu komplett gebührenfrei sind. Man muss nur das Mittagessen bezahlen. Mehr nicht. … Wenn mich wirklich was triggert, dann sind es diese Leute, die alles als selbstverständlich voraussetzen. Manchen möchte ich sagen: Frag mal die Menschen in den anderen Bundesländern, wie selbstverständlich das ist! Und dann bezahl die 30 Cent mehr fürs Kitaessen und gut ist. Für das neue fette Auto, mit dem du grad angekommen bist war ja anscheinend auch genug Kohle da“ (S. 52).
Monchi verweist auch darauf, dass er dort lebt, wo man sich nicht einigeln kann, wo man mit denen, die AfD gewählt haben, tagtäglich Kontakt hat. Daher scheut er sich auch durchgängig in seinem Buch nicht davor zurück, die „Linken“ zu kritisieren – und das folgende Zitat macht auch die Sprache deutlich, in der er schreibt, und die das Buch so authentisch macht: „Wie oft laufen dir richtige Nazis über den Weg? Wann hast du denn das letzte Mal wirklich vor Nazi gestanden? Vor so richtigen? Ich red nicht von fünfhundert Metern Entfernung und einer Polizeieinheit dazwischen. Ich rede vom Alltag. Wann hast du denn das letzte Mal von Nazis auf die Fresse gekriegt? Oder wirklich in einer Situation mal Angst gehabt? Ich glaub ich kenn bei sehr vielen die Antwort. Und wenn mir Instagram-Reels in die Timeline gespült werden, in denen irgendwelche Leute vermummt ’nen Harten machen, am besten noch das »Hammer und Sichel«-Halstuch über die Nase gezogen, obwohl man ihnen sofort ansieht, dass sie eher »Fraktion Uni« als »Sektion Straßenbau« sind: Alter Verwalter, da hört es doch irgendwann auf. Bis Anfang/Mitte zwanzig fällt das alles noch irgendwie unter Welpenschutz (vieles habe ich ja auch durchgespielt), aber trotzdem. Wenn ich diese ganzen »Wir kriegen euch alle – Nazis aufs Maul! «-Reels aus irgendwelchen Szenevierteln sehe, unter denen die Instabilsten der Instabilen »Stabil« kommentieren dann denke ich: Zieht doch mal für ein Jahr nach Anklam oder nach Bautzen“.
Auf die Frage in einem Interview im Bayerischen Rundfunk, ob es keine Jugendkultur im linken Bereich gibt, antwortete er: „Doch gibt es. Aber da ist alles so nett. Da ist nichts Rebellisches. Die Zecken sind im Selbstzerstören stark. Es geht eher darum, wer ist noch perfekter, noch linker. Diese Demos in Berlin unter dem Motto „Aufstand der Anständigen“ – was für ein Wort! Wenn ich mir denke mit 16, da wollte ich doch alles sein außer anständig! Wie kannst du da denn die Leute triggern und provozieren? Heute kannst du eher damit provozieren, dass du solchen Leuten hinterherläufst, die einfache Antworten auf schwierige Fragen geben“.
Ein ganz wichtiger Aspekt, der im letzten Satz des Interviews bereits angesprochen wird, taucht in dem Buch immer wieder auf: Statt auf Ideologie zu setzen, betont Monchi die soziale Lage und die Sozialisation der (jungen) Menschen, die nach rechts driften. Er versucht, sich in die Kids reinzuversetzen und fragt sich: Wo würde in 16-jähriger Monchi heute landen? Er betont den Unterschied zwischen Jungs und Mädchen, aber auch die Aspekte von Gemeinschaft, Freundschaft, Zusammenhalt, die diese jungen Menschen suchen – und eben dann nicht zufällig in rechten Kreisen finden, weil diese präsent sind und sich um sie kümmern, ihnen Angebote machen. Und es sind die Rechten, die mit der »Wir gegen die« – Philosophie vor allen Dingen in unsicheren Zeiten so was wie Sicherheit geben. „Dass Kameradschaft nicht gleich Freundschaft bedeutet, werden einige erst mit der Zeit verstehen, aber verlockend ist sie für nicht wenige Jungs allemal“ (S. 121). Die Mischung bei der AfD aus Sieger-Rausch, „die anderen zittern schon vor uns“, und der rebellischen „Wir gegen alles“-Karte sei eine absolute Top-Mischung, um Jugendliche aus der Provinz zu erreichen. Entsprechend fehle es vor allem an offenen Jugendräumen, geleitet von Leuten, „die was auf dem Kasten haben“ (S. 125).
Gemeinschaft ist für Monchi ein Schlüsselwort. Der beste Schutz gegen Rechtsextremismus, das „beste Gegengift“ sei, wenn Menschen zusammenkommen, in der Realität (S. 181). Gemeinsam etwas tun, erleben, feiern, sich austauschen, und streiten. Dann sei es schwerer, einen Keil zwischen sie zu treiben.
Ist das zu blauäugig, zu illusorisch? Verkennt Monchi die Schere zwischen Arm und Reich, die sozialen Grenzen in unserer Gesellschaft? Nein, er kennt diese Problematik sehr gut und geht darauf auch in seinem Buch ein, aber er versucht eine pragmatische Lösung, eine menschliche, zu finden. Die „große Politik“ kann er weder verändern noch beeinflussen, wie er selbst schreibt, auch wenn er das früher anders gesehen hätte. Aber im Kleinen, vor Ort, in der Nachbarschaft, da kann man etwas ändern. „Ich glaube, dass die Leute weniger hassen, wenn sie mit anderen zusammenkommen“ (S. 195) – eine Einsicht, die auch Sozialpsychologen bestätigen werden.
Überzeugungsnazis seien diese Jugendlichen keinesfalls, und daher nicht komplett verloren. Daher müsse man sie ernst nehmen, ihnen eine aktive Gemeinschaft anbieten, wie er es selbst bei seinen Festivals in Jarmen tut, indem er sie in die Crew einbindet, die das Festival betreut (S. 131 ff.) oder die Kids, die in „Faschoklamotten“ zum Konzert kommen, nicht nach Hause schickt, sondern ihnen ein Feine-Sahne-Shirt oder ein neutrales Shirt anbietet, damit sie das Konzert miterleben können (S. 141).
Monchis Buch ist auch deshalb so authentisch und spannend zu lesen, weil er selbst als Jugendlicher auf Stress aus war und dies, wie er schreibt, genossen hat, z.B. bei den Ultras von Hansa Rostock. Seine Erfahrungen beschreibt er so: „Fakt ist: Ich hatte Bock auf Action. Ich hatte Bock auf Stress. Rauskommen aus’m Dorf. Scheiße bauen. Wenn die Spießer kotzen, dann läuft was richtig. Auf meine ersten Anzeigen wegen Landfriedensbruchs war ich stolz. Wenn meine Eltern schockiert waren, war ich glücklich. Wenn die Leute die Nase rümpften, dann ging es mir gut. Provokation aus Prinzip. Gegen alles und jeden. Mit dem Zug durch Deutschland, immer Hansa hinterher. Immer dieselben fünfzig Leute, einfach nur g stört. So viele fanden uns scheiße, aber wir waren „de Geilsten“. „No one likes us, we don’t care“. Was gibt es Schöneres, als wenn alle über einen meckern. Der Weg war damals das Ziel. Über Anzeigen und Stadionverbot brauch ich mich im Nachhinein nicht zu beschweren“. Mit achtzehn habe er bei einem Auswärtsspiel von Hansa ein Polizeiauto abgefackelt. Sein (einziger) Wunsch war, dazuzugehören, Anerkennung von den Älteren zu bekommen, „einer von den dollen Ultras zu sein“. Er stellt dazu die These auf (mit der er richtig liegen dürfte), dass 80 % der Kids, die zum Chemnitzer FC gehen, stattdessen zu St. Pauli gehen würden, wenn sie dort leben würden, und andersherum sei es genauso. Manchmal sei es nur Zufall, auf welcher Seite man lande, und die Begegnung mit ein oder zwei Leuten könne da ausschlaggebend sein (S. 122 f).
Monchi wendet sich beständig und immer wieder gegen die Ausgrenzung Andersdenkender. Daher auch der Titel des Buches: Er bewegt sich jenseits der Brandmauer, und dies bewusst und absichtlich. Was nicht bedeutet, dass er die Diskussion um diese Brandmauer nicht differenziert sieht, aber er weiß: Ein Leben in Jarmen (und auch anderswo, TF) funktioniert nur neben- und miteinander, trotz aller Kontraste.
Monchi stellt auch die richtigen Fragen in seinem Buch. Welche Ängste haben diese jungen Menschen, welche Hoffnungen? Wie kann man es schaffen, trotz allem optimistisch in die Zukunft zu schauen? Monchi will bleiben, wo sich schon so viele verabschiedet haben, will vor Ort etwas bewegen. „Um hoffentlich dort alt werden zu können, wo er es so sehr liebt wie nirgends sonst“ (Text von der website des Verlages, der leider auf Angaben wie ISBN und Seitenumfang auf seiner Website verzichtet. Warum?).
In diesem Sinn: „Lasst uns schauen, was uns verbindet, statt was uns trennt“ (S. 146).
Thomas Feltes, August 2026
[1] Die Band rief 2016 die Kampagne »Noch nicht komplett im Arsch. Zusammenhalten gegen den Rechtsruck« ins Leben und veranstaltet seitdem regelmäßig das »Wasted in Jarmen«-Festival. 2018 erschien der unter Regie von Charly Hübner entstandene preisgekrönte Dokumentarfilm »Wildes Herz«, der das gesellschaftliche und politische Engagement der Band und Monchis Lebensgeschichte behandelt. 2022 erschien Monchis Buch »Niemals satt« und stieg auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste ein. »Wir kommen in Frieden«, das neueste Album seiner Band, stand 2025 auf Platz 1 der deutschen Albumcharts.