Rudi Heimann / Jürgen Fritzsche, Gewaltprävention und Eigensicherung im Polizeieinsatz. Risiken erkennen – Verantwortung übernehmen – Konflikte beherrschen. Rezensiert von Holger Plank

Rudi Heimann / Jürgen Fritzsche, Gewaltprävention und Eigensicherung im Polizeieinsatz. Boorberg-Verlag, Stuttgart/München, 2025, 284 Seiten, ISBN 978-3-415-07778-2, 34.– €.

Rudi Heimann[1], Vizepräsident des Hessischen Landeskriminalamtes, und der Sportwissenschaftler Jürgen Fritzsche[2], haben mit ihrem jüngsten Lehrbuch[3] einen aktuell empfindlichen Nerv ge­troffen. Polizeibeamte und -beamtinnen, aber nicht nur sie, sondern leider zunehmend auch alle anderen Angehörigen der Blaulichtorganisationen (Feuerwehr, THW, Rettungsdienste etc) und Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Arztpraxen, Krankenhäusern oder in Behörden / Ämtern, treffen tagtäglich in einer Vielzahl von im Einzelfall konflikt­trächtigen Situationen auf „den Bürger“. Für den professionellen Umgang hiermit benötigen sie dringend empirisch fundierte und praxisorientierte Ratgeber zur Risikoerkennung und zum professionellen Konflikthandling.

Dabei entsprechen die Erwartungen „des Bürgers“ als Hinweisgeber / Ge­schädigter / Adressat polizeilicher Maßnahmen nicht immer der polizeilichen Zielhierarchie in Bezug auf die gesetzliche Auftragserfüllung und die begleitend erforderliche adäquate Eigensicherung. Die Polizei handelt hierbei im Schwerpunkt „hoheitlich“ zur Verfolgung von Straftaten / Ordnungswidrigkeiten und / oder zur Gefahren­abwehr. Die Problemlösung erfolgt daher zumeist in einem kommunikativ heiklen „Subordi­nations­verhältnis“ gegenüber den Adressaten, ist also per se gefahren­trächtig für die beteiligten Parteien. Dennoch ist ein „Generalverdacht“ gegenüber Adressaten unangemessen, ein professionell entwickeltes, kommunikationswissenschaftlich fundiertes Risiko- und Gefahrenradar und ein daran orientiertes situationsgerechtes Sicherungsverhalten sollte jedoch für beide Seiten selbstverständlich sein. Das wird – trotz aller kriminalstatistischer Unschärfen, auf die die Autoren zurecht hinweisen (S. 27ff.) – schon durch die signifikanten Steigerungsraten in dem seit 2011 durch das BKA veröffentlichten bundesweiten Lagebild „Gewalt gegen Polizeivollzugsbe­amtinnen und -be­amte“[4] deutlich. Schon deshalb sind fundierte interdisziplinäre Empfehlungen zur Verbesserung der Risikoerkennung, -minimierung und Kon­fliktresilienz nötiger denn je. Zum einen deshalb, weil trotz des umfangreichen Literaturverzeichnisses (S. 266 – 280) im Anhang des vorliegenden Werks offenkundig ist, dass es trotz verbindlicher innerdienstlicher Richtlinien und Weisungen, neben Seminar­unterlagen zu „Polizeilichen Antistress-, Kom­munikations- und Einsatztrainings“ nicht zuletzt der Leitfaden 371 – VS – NfD), polizeiwissenschaftlicher Studien und zahlreicher allgemeiner und wenig polizeispezifischer psycho­sozialer Ratgeber, nach wie vor an ganzheitlich aufgebauten Lehrbüchern / Praxisratgebern für Angehörige von Sicherheitsbe­hörden fehlt. Zum anderen weisen die Autoren m. E. durchaus zutreffend darauf hin, dass in den Curricula polizeilicher Aus- und Fortbildung vor allem der zentrale Aspekt einer adäquaten, jederzeit situationsgerechten Kommunikation nach wie vor kaum ganzheitlich gedacht wird und bei der Vermittlung grundlegender Kenntnisse auf diesem Feld und auch im Kontext darauf aufbauender taktischer Maßnahmen leider methodisch-didaktische Mängel erkennbar sind.

Heimann und Fritzsche beabsichtigen mit dem sachlogisch in neun Kapitel gegliederten:

  1. Gefahren erkennen – Leben schützen (Einleitung), S. 11 – 26,
  2. Gewalt gegen Polizei (historische Entwicklung und Lagebild), S. 27 – 32,
  3. Human Factors[5], S. 33 – 78,
  4. (15) Leitsätze für sicheres Handeln, S. 79 – 94 (als Übergang in die Folgekapitel),
  5. Konflikte, Aggression und Gewalt[6], S. 95 – 116,
  6. (ausführlichen Erläuterungen zur) Kommunikation[7] (als primärem „polizeilichen Einsatzmittel“ zur Konfliktlösung), S. 117 – 190,
  7. Körperlicher Zwang[8], S. 191 – 236,
  8. Nach dem Einsatz[9], S. 237 – 244 und abschließend
  9. (Grundsätzliche Erläuterungen zu vielfältigen und in ihren erfolgskri­tischen Wirkungen auf den Polizeieinsatz bedeutsamen) „Mentalen Stö­rungen“ (bei Adressaten polizeilicher Maßnahmen), S. 254 – 264,

sehr informativen, durch zahlreiche praxisrelevante Erläuterungen / Einschübe und Grafiken illustrierten Kompendium eine Verbesserung des individuellen Verhaltens im Einsatzfall mit dem Ziel der nachhaltigen Ge­waltprävention.

Das aufgrund seiner inhaltlichen Fülle und der Vielzahl der praktischen und methodischen Empfehlungen durchaus „gewichtige“ Werk ist dabei kein Ersatz für zielgerichtetes polizeiliches Kommunikations- und Einsatztraining auf Grundlage des LF 371 – VS NfD, macht jedoch durch die Vermittlung nach dem Prinzip des „Warum hinter dem Wie“ (S. 14) insbesondere die Wichtigkeit der „mentalen Einstellung zur Eigensicherung“ (S. 16) deutlich. Insofern verfolgen die Autoren ihr o. g. Ziel im Aufbau des Buches konsequent und sachgerecht. Die zahlreichen praktischen Beispiele machen eindringlich deutlich, wie wichtig unter dem konfliktpräventiven Leitgedanken im Einsatzfall ein stetiges persönliches und sowohl taktisch als auch kommunikativ nachhaltig vorhandenes / vermitteltes „Situationsbewusstsein“ ist. Die Komplexität dieser Aufgabe nimmt zu, wenn Einsatzkräfte lagebedingt im Team in unterschiedlichen Rollen operieren.

Insofern kann man sich nur wünschen, dass der gelungene ganzheitliche Ratgeber als persönliches Nachschlagewerk und Grundlagenliteratur zur Begleitung des sicherheitsbehördlichen Kommunikations- und Einsatztrainings gut angenommen wird. Das Buch gehört als Standardliteratur nicht nur in die Bibliotheken der Aus- und Fortbil­dungseinrichtungen, sondern als Nachschlagewerk verfügbar für PET-Fortbildungsbeauftragte und Einsatzkräfte auch in die Dienststellen. Aufgrund der beachtlichen Fülle fachlicher und polizeitaktischer Hinweise und damit verbundener Fragestellungen ist das Erfassen und die anschließende Übernahme wesentlicher Inhalte in den täglichen Einsatz kein Selbstläufer. Ein kontinuierliches Studium der Inhalte ist erforderlich, damit Handlungsroutinen wachsen können. Ich halte es mit Blick auf das Ziel auch nicht für schädlich, dass manche Hinweise und Empfehlungen stichpunktartig dargestellt werden. Bei Bedarf und je nach individuellem Interesse können diese mit den umfangreichen Literaturempfehlungen im Anhang vertieft werden. Auch wenn viele Erkenntnisse vielleicht selbstverständlich klingen, „im Einsatz schon immer so gehandhabt worden sind“, wie manch ein Kritiker vielleicht anmerken wird, die ganzheitlich eingebettete, durch praktische Empfehlungen und zahllose reflexive Reize ergänzte Darstellung des taktischen Vorgehens unter hochvariablen Einsatzbedingungen kann – neben der Notwendigkeit stetigen individuellen Trainings – dazu beitragen, die individuelle Handlungssicherheit und die einsatzbedingte Teamorientierung kommunikativ und beim adäquaten, möglichst konflikt­minimierenden taktischen Vorgehen zu verbessern. Das ist ein absolut erstrebenswertes Ziel, sowohl für die Einsatzkräfte, die sich professionell in den Dienst der Allgemeinheit stellen, als auch für die Bürgerinnen und Bürger mit ihren nachvollziehbaren Erwartungen an die Repräsentanten des staatlichen Gewaltmonopols, egal ob als Betroffene oder unbeteiligte, gleichwohl interessierte Beobachter.

Eine besondere (strategische, taktisch-operative aber vor allem auch persönliche) Verantwortung trifft hierbei Führungskräfte als Impulsgeber und Vorbilder, vom Streifenführer über den Dienstgruppen- und Dienststellenleiter bis hin zu den Sachgebiets- und Abteilungsleitern Einsatz in den polizeilichen Führungsstäben.

In weiteren Auflagen des Buches wäre es m. E. wünschenswert, die persönliche und taktische Handlungssicherheit in Bezug auf Einsätze unter Beteiligung offenkundig unter mentalen Störungen leidender Adressaten – auch mit Blick auf die ggf. erforderliche Beiziehung von psychosozialen Ersthelfern – zu vertiefen.

 

Holger Plank

[1] Vizepräsident des Hessischen Landeskriminalamtes, Dozent und Autor.

[2] Sportwissenschaftler und promovierter Biologe.

[3] Vgl. Abstract elektronische Verlagsplattform Inlibra inkl. Inhaltsverzeichnis.

[4] Vgl. Website des BKA (zuletzt zugegriffen: 20.01.2026).

[5] Das Kapitel reflektiert auf die Darlegung typischer Begebenheiten der „polizeilichen Einsatz­situation“, zumeist geprägt von spärlichen Informationen bei gleichzeitigen Handlungsdruck, und skizziert dabei auf erfolgskritische Faktoren wie „individuelle Grenzen“, mangelndes „Situationsbewusstsein“ und begleitende „systemische Faktoren“.

[6] Mit Unterkapiteln dargestellt in einem „kybernetischen Regelkreismodell“ beginnend mit „Ursachen“ und der „Früherkennung“ von Konflikten über die Beschreibung des oftmals typischen „Konfliktverlaufs“ bis hin zu „Konfliktlösungsstilen“, abschließend garniert mit Ausführungen zur Wirkung des „Faktors Macht“, letztlich passend nicht nur aufgrund der Ausübung des staatlichen Gewaltmonopols in Konfliktsituationen.

[7] Aufgrund des Umfangs und der inhaltlichen Dichte wohl das zentrale Kapitel des Werks.

[8] Da sich die sehr detaillierten Regelungen zum „Unmittelbaren Zwang“ und seinen „Hilfs­mitteln“ als Sekundärmaßnahme zur Durchsetzung von Eingriffsbefugnissen (Primärmaß­nahme) aufgrund der Gesetzgebungszuständigkeit der Länder für das Polizeirecht hinsichtlich (Entscheidungs- und Auswahl-) Ermessen, Verhältnismäßigkeitserwägungen und Form­vorschriften im Einzelfall nicht unerheblich unterscheiden, wird hier insbesondere auf die die­ses Thema arrondierenden „Human Factors“ („Belastbarkeit“, „Arbeitskapazität“, „Stress­resistenz“ und „Stabilität“ und nicht zuletzt auf die Anforderungen, die aus diesen Gründen an polizeiliche „Einsatztrainer“ zu stellen sind) besonderer Wert gelegt.

[9] Einigermaßen erschreckend liest sich die empirische Bilanz der Autoren, wonach insbe­sondere nach heiklen Einsätzen nur in etwa der Hälfte der Fälle ein wirklich nennenswertes Debriefing mit institutionalisierten Feedbackregeln stattfindet. Das spricht – obwohl sich die Situation auch nach meiner dienstlichen Erfahrung in den letzten Jahren deutlich verbessert hat, noch nicht für die Etablierung einer adäquaten Fehlerkultur.