Ellebrecht/Poscher/Jarolimek/Kaufmann (Hrsg.), Die Polizei in der offenen Gesellschaft. Zum polizeilichen Umgang mit Vielfalt und Diversität. Rezensiert von Thomas Feltes

Sabrina Ellebrecht, Ralf Poscher, Stefan Jarolimek, Stefan Kaufmann (Hrsg.), Die Polizei in der offenen Gesellschaft. Zum polizeilichen Umgang mit Vielfalt und Diversität, Transcript-Verlag Bielefeld, 2025, 362 Seiten, ISBN: 978-3-8376-6830-8, 45.- Euro

Wie die Polizei mit Vielfalt und Divergenz umgeht ist Thema dieses Buches, das in (zu?) großer Bandbreite Ergebnisse des Forschungsprojekts »ZuRecht – Die Polizei in der offenen Gesellschaft« (2019-2024) vorstellt, ergänzt durch Beiträge aus dem Umfeld der Thematik und des Projektes. Im Fokus der Analysen stehen neben der Diversität in den eigenen Reihen der Polizei auch die Nennung von Herkunftskategorien in der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit sowie die Bedeutung von Ausbildung und interkulturellem Training.

Der Verlag schreibt auf seiner Webseite von „Vielfalt und Differenz“ (sic), meint aber sicherlich „Vielfalt und Diversität“, so wie im Untertitel des Buches. Er verspricht „eine wissenschaftliche Einordnung aktueller Polizeiarbeit“. Um es vorweg zu nehmen: Diesen Anspruch kann man eigentlich nicht wirklich umfassend erfüllen, und daher tut sich auch das Buch, vor allem aufgrund der großen Heterogenität der Beiträge, schwer. Die Beiträge wiederholen einerseits bereits bekannte Positionen und Argumentationen (meist von den „externen“ Autor*innen) und stellen anderseits Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt dar, wobei diese teilweise doch eher an der Oberfläche bleiben und vor allem oftmals den wissenschaftlichen Kontext vermissen lassen, also z.B. die Anbindung an die eher allgemeinen Beiträge der externen Autor*innen. Die Aneinanderreihung von Beiträgen, ohne einen analytischen Kontext irritiert.

Wir leben in einer diversen Gesellschaft, nicht nur, weil ein Viertel der deutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat (mit steigender Tendenz), sondern auch, weil der Anteil an Menschen, die sozioökonomisch benachteiligt sind, zunimmt. Wachsende Diversität und häufig damit einhergehende Benachteiligungen betreffen alle Bereiche der Gesellschaft – auch die Sicherheitsbehörden. Daher ist es richtig und wichtig, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

Auf der Webseite des Projektes findet sich mehr Informationen. Das Forschungsprojekt „ZuRecht – Die Polizei in der offenen Gesellschaft“ widmete sich im „Austausch mit den Polizeien des Bundes und der Länder … den Funktionen und der Bedeutung der Polizei in einer pluralisierten Gesellschaft. Leitend war dabei die Frage, wie die Polizei in einer pluralisierten Gesellschaft aufgestellt und ausgebildet sein sollte. Das Projekt wurde vom 01. März 2019 bis zum 31. Januar 2024 durch die Stiftung Mercator gefördert“. Auf der Webseite werden dann auch die Strukturen und die Mitwirkendem an dem Projekt, das von der Deutschen Hochschule der Polizei und dem „Centre for Security and Society der Universität Freiburg“ durchgeführt wurde, vorgestellt.

Zu Beginn des Buches wird das Projekt, seine Struktur und seine methodische Vorgehenswiese dargestellt. Demnach hat das Projekt untersucht, „wie die Polizei in ganz unterschiedlichen Bereichen – von der Nachwuchssicherung, über Ausbildung und Training, hin zum Streifendienst und der Öffentlichkeitsarbeit – mit Vielfalt und Differenz umgeht. Dabei ging es beispielsweise um Diversität in den eigenen Reihen, um die Nennung von Herkunftskategorien in der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit, sowie um die Frage, wie die Polizei in einer pluralisierten Gesellschaft gewährleisten kann, allen gleichermaßen gerecht zu werden, auch beispielsweise jenen, die des Deutschen unkundig sind“.

Der Band versammelt, so die Einleitung, „zentrale Ergebnisse aus den Teilprojekten, Beiträge von Mitgliedern des Projekt-Beirats sowie die beiden Keynote-Vorträge der Abschlusskonferenz vom 16. Mai 2023 in Berlin“.  Als übergeordnetes, analytisches Ziel hatten die Projektleiter*innen formuliert, „personelle, institutionelle und organisationskulturelle Hürden zu identifizieren, die den Umgang der Organisation mit Diversität und ein entsprechendes professionelles Selbstverständnis erschweren“.

Untersucht wurde die Fragestellung aus kommunikationswissenschaftlicher, soziologischer und rechtswissenschaftlicher Perspektive. Die weiteren Ausführungen zum Projektablauf und zu möglichen inhaltlichen und methodischen Fragen werden leider nur sehr kursorisch zu Beginn dargestellt und auch im weiteren Verlauf des Buches nicht wirklich ausführlich erläutert. So irrt der Leser/die Leserin etwas durch den Inhalt, ohne eine bestimmte Struktur der Beiträge (und damit auch des Projektes) erkennen zu können. Eine gewissen Beliebigkeit macht sich dabei breit, und dies betrifft auch die Qualität der einzelnen Beiträge. Zwar findet sich zu Beginn des Buches eine kurze Übersicht über den Inhalt der Beiträge und die Aufteilung des Buches in drei Teile. Demnach ist Teil 1 der Einführung gewidmet und den Keynote-Vorträgen anlässlich einer Tagung des Projektes. Teil 2 beinhaltet die Ergebnisse des Projektes, wobei unklar bleibt, ob es darüber hinaus noch weitere Ergebnisse 7nd/oder Veröffentlichungen dazu gibt. Teil 3 enthält die „Analysen“, wobei diese Analysen es versäumen, inhaltliche Bezüge zu den Ergebnissen des Projektes herzustellen – wie umgekehrt die Präsentation der Ergebnisse oftmals den theoretischen Rahmen vermissen lässt.

Gerade weil die Polizei eine der wichtigsten staatlichen Organisationen zur Gewährleistung von Recht und Sicherheit ist, wie im Geleitwort der Mercator-Stiftung betont wird, steht sie vor der Herausforderung, ihr Handeln in einer sich zunehmend diversifizierenden Gesellschaft so auszurichten, dass Rechtsansprüche für alle gelten und dass ein gleichwertiger Rechtsschutz für alle gewährleistet ist. Insbesondere gegenüber Menschen, die sich in einer vulnerablen Situation befinden, ist es für die Polizei in ihrer Machtposition zentral, glaubwürdig zu handeln. Das Geleitwort verweist dann auch darauf, dass in der Vergangenheit Sicherheitsbehörden ihren Verpflichtungen nicht immer gerecht wurden. „Diese Defizite gefährden nicht nur Personen, die in unserer Gesellschaft bereits Diskriminierung erfahren, wie Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, People of Color (BiPoC) oder sozioökonomisch benachteiligte Menschen. Sie stellen auch eine ernsthafte Bedrohung für unsere Demokratie dar“.

Positiv ist zu bewerten, dass hier Diskriminierung nicht (wie oftmals) auf Menschen mit Zuwanderungsgeschichte begrenzt wird, sondern der (allerdings weite) Bereich der sozioökonomisch benachteiligten Menschen einbezogen wird – wobei immer noch bestimmte, diskriminierte Bevölkerungsgruppen fehlen. Wie man die beiden hier behandelten Gruppen, die sich teilweise überschneiden, unterscheidet und welche unterschiedlichen Ergebnisse das Projekt dazu erbracht hat, wird leider nicht thematisiert.

Die Beiträge in dem Band lassen zudem den Eindruck entstehen, dass es dem Projekt nicht wirklich gelungen ist, die Kluft zwischen der polizeiinternen Sichtweise (vertreten durch die Beiträge aus dem Bereich der Deutschen Hochschule der Polizei) und den externen Untersuchungen durch die Mitarbeitenden der Universität Freiburg zu schließen. Ein roter Faden, wozu die unterschiedlichen Unterprojekte jeweils dienen und wie ihre Ergebnisse zusammengeführt werden sollen, fehlt. Stattdessen findet man Darstellungen, wie intensiv bereits jetzt in der Polizeiausbildung das Thema Vielfalt und Diversität behandelt wird – aber kaum etwas dazu, welche Auswirkungen diese Behandlung tatsächlich in der polizeilichen Praxis hat. Manche Beiträge (wie die zu polizeilichen Kontaktbeamten oder „repräsentativen Personalgestaltung in der deutschen Polizei“) versuchen nicht einmal, einen wissenschaftlichen Bezug herzustellen. Eine konkrete Evaluation von Maßnahmen im Polizeibereich oder eine Befragung von Betroffenen, die dazu Auskunft geben könnte findet sich nicht.

Erfreulich sind die beiden Beiträge von David Czudnochowski, der im Projekt für den Arbeitsbereich „Wissen, Information und polizeiliches (Alltags-)Handeln“ verantwortlich war. Seine Gegenüberstellung des „kollektiven Alltagswissens in Polizeiausbildung und Alltag“ anhand von ethnographischen Beobachtungen liest sich nicht nur faszinierend, sondern macht auch viele Grundprobleme des polizeilichen Umgangs mit den Themen des Projektes deutlich. Dies gilt auch für seinen zweiten Beitrag zum Sprechen und Handeln der Polizei, in dem er am Beispiel des „Hans-Bunte-Falls“ in Freiburg (einer Gruppenvergewaltigung) den Diskurs um Migration und Sicherheit anhand von polizeilichen Stellungnahmen und Presseberichten analysiert.

Solche tiefergehenden Analysen hätte man sich auch in den anderen Bereichen des Projektes gewünscht – vielleicht gab es sie ja, und sie fanden nicht den Weg in diesen Sammelband. Insgesamt hält der Titel des Buches leider nicht, was er verspricht. Der Grund dafür dürfte vor allem in der qualitativen und thematischen Heterogenität der Beiträge und der unklaren Struktur liegen.

Thomas Feltes, Januar 2026