Doris Gercke, Von den Bewohnern der Städte, Argument Ariadne, Hamburg 2026, 103 S., ISBN978-3-86754-411-5, gebunden mit Lesebändchen, 12.- Euro
Viele kennen die „Bella Block“-Krimis, die von 1994 bis 2018 in 38 Folgen im ZDF ausgestrahlt wurden. Die Figur wurde
von Doris Gercke erdacht, die jetzt vom Ariadne-Verlag mit einem wunderschönen kleinen Textband gewürdigt wird, der Gedichte und Kurzgeschichten enthält. Gercke war Mitte 2025 gestorben. In ihrer Vorbemerkung zu dem Band schreibt die Verlegerin und Lektorin Else Laudan: „Sie hat diesen Blick. … Denn auch wenn Doris Gercke am 25. Juli 2025 ihr Leben losgelassen hat, nicht mehr weiteratmet und nicht mehr weiterschreibt – ihr Blick ist noch da. Er ist in ihren Texten. Er sieht die Gewalt. In allen Facetten. Er trotzt ihr durch Hinsehen. Kein Theater, kein Geschrei. Nur Hinsehen statt Wegsehen“.
Ihre Erzählsprache habe die „Kraft, den Stein zu heben, unter dem die Skorpione wimmeln, die Schwänze gereckt zum Zustoßen. Mit ihren gemessenen, sparsamen Sätzen erschuf sie überwältigend zeitlose Figuren, ungefällig, angeraut, vielsagend. Sie schrieb Kriminalliteratur. Gedichte. Romane. Kurzgeschichten.“
Auch in dem jetzt nach ihrem Tod vorgelegten Bändchen sind diese Formen vertreten, und diese Unterschiedlichkeit macht – neben der klaren und unprätentiösen Sprache von Gercke – das Lesen so angenehm und spannend; neben der erfreulich aufwändigen Aufmachung mit Lesebändchen.
Der kleine Band enthält ihre letzte eigene Kompilation, zusammengestellt in ihren letzten Tagen. Was hier veröffentlicht wurde war in einem Hefter, teils handschriftlich (s. Bild), betitelt mit den Worten „Von den Bewohnern der Städte“.
Um noch einmal Laudan zu zitieren, weil man es einfach nicht besser sagen kann: „Ihr finsterer Realismus, nüchtern und unbotmäßig, nie humor- oder zahnlos, schimmert immer durch und hallt nach“. …
nicht von Trauer lallen
sondern ruhig sein
Ihre Texte sagen zu mir: Machen wir uns nichts vor. Sie sagen mir: Ich kann es nicht ändern, aber ich nehme es nicht hin. Sie machen sichtbar, was gesehen werden muss, wenn der aufrechte Gang mehr sein soll als wohlfeile Fassadenpflege. Insofern richten sie mich auf“.
In ihrem Nachruf (S. 96-99) betont Else Laudan, dass ihr in ihrem Verlegerinnendasein nie Texte unter den Rotstift gekommen sind, die weniger Lektorat brauchten. Bei Doris Gercke stand jedes Wort an seinem Platz, „kein Satz war zu viel, keine Szene zu lang, die Details klug gesiebt, die Sprache schlicht und gelassen: Schnörkellosigkeit als Kunstform“.
Ein Beispiel dafür zitiert Laudan dann direkt danach aus dem Roman von Gercke, „Frisches Blut“ (2018):
„Das Problem der leicht zu bedienenden
Handfeuerwaffen haben wir noch nicht gelöst,
und ein Aufmarsch bewaffneter Kinder hätte
die Rüstungsindustrie weltweit in Erregung
versetzen können.“
Fiktion und Wahrheit sind bei Doris Gercke eng verwoben, ihr „finsterer Realismus war immer nüchtern und unbotmäßig“. In der Kurzgeschichte „Winter und Sommer“ (S. 63-70 in dem Band) findet sich ein Beispiel für diesen Realismus:
„Es kann selbstverständlich sein, dass auch ihr Alter daran schuld war, wenn es bei ihnen in den Gesprächen immer um irgendwelche Grundsatzfragen ging. Als sie so alt waren wie wir, beschäftigten die Leute sich eben mit Politik. Oder mit so Gestalten wie Brecht. Oder Adorno. Ich weiß nicht, aber das hat sich doch geändert. Das könnte man ja auch einmal einfach zur Kenntnis nehmen. Natürlich wissen wir, jedenfalls die meisten von uns, wer diese Leute waren und dass sie einmal zu einer bestimmten Zeit eine Rolle gespielt haben. Aber muss man ihre Namen deshalb auch heute noch ständig im Munde führen?“ (S. 64 f.).
Abgedruckt in dem Bändchen ist auch ein Vortrag von Doris Gercke, den sie 1995 in Marbach gehalten hatte. Unter dem Titel „Wie man einen Krimi schreibt (oder auch nicht)“ beschreibt sie die Grundsätze ihres Schreibens. Es geht ihr um die Annäherung an die Wahrheit, darum, die Leser ernst zu nehmen, einen Standpunkt zu haben – und um ein gutes Handwerk. „Es geht darum, einen Standpunkt zu haben. Beliebigkeit ist tödlich“ (S. 83). Ihren Standpunkt beschreibt sie als „unten“. Unter – das heißt: bei den Toten, Mordopfern, Ausgesperrten, Weggeworfenen, „bei denen ohne Chance, von denen dieses Land, eines der reichsten der Erde, im Begriff ist Millionen zu produzieren“ (S. 84). Was ein Krimi nicht braucht sind „dumme Männer, die von Dingen reden, von denen sie keine Ahnung haben“ (S.80).
Wer war Doris Gercke? Geboren wurde sie 1937 in Greifswald als Tochter einer Arbeiterfamilie. Sie war Sekretärin, Begabtenabiturientin und Jurastudentin, ehe sie sich in den 1980ern der politischen Kriminalliteratur zuwandte. Als Schöpferin der unangepassten und handgreiflichen Ermittlerin Bella Block schrieb sie Literaturgeschichte, sägte mit ihren düsteren, kritischen Romanen an der Erzählhoheit im Genre. Im „Perlentaucher“ wird sie wie folgt zitiert: „Für mich ist Krimi eine Kunstform. Kunst hat etwas mit Abbildung von Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit zu tun. Je wahrhaftiger ein Krimi ist, desto besser finde ich ihn.“
Die Bücher von Gercke sind übrigens nicht die Grundlage für die Handlungen der Filmreihe im ZDF – bis auf die Figur „Bella Block“ sowie den ersten Film. Bei „Wikipedia“ wird dies so beschrieben: „Eine wichtige Differenz der beiden Bella-Block-Figuren besteht darin, dass die „TV-Bella“ als Kommissarin zur Polizei zurückgekehrt ist, wohingegen Gerckes Bella Privatdetektivin geblieben ist. Dies hat zwei Gründe: Zum einen ist sie davon überzeugt, dass eine Karriere bei der Polizei nur korrumpieren kann. Sie fürchtet um ihre Integrität“. Vor allem aber hält es „Bella Block“ als Feministin „bei dieser per se frauenverachtenden und rassistischen männlich dominierten Behörde nicht aus. Die Einsätze findet sie ineffektiv, das Imponiergehabe der männlichen Kollegen lächerlich, und sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Polizei nur ein sich selbst beweihräuchernder Verein für „karrieregeile Kraftprotze“ sei“.
Lust auf mehr? Die Krimis von Doris Gercke sind leider zum Teil nur noch gebraucht zu bekommen. Aktuell verfügbar sind „Frisches Blut. Deutsche Geschichten“ und „Die Nacht ist vorgedrungen“, beides im Ariadne -Verlag.
Thomas Feltes, Februar 2026