Reinhold Melcher, Christoph Meißelbach, Bernhard Weßels (Hrsg.), Subjektive Sicherheit und politische Kultur. Erkenntnisse aus Sachsen. Springer VS Wiesbaden, 2026, 470 S., ISBN print 978-3-658-49447-6, 84,99 Euro, e-book ISBN 9783658494483 66,99 Euro
Die Gewährleistung von Sicherheit gehört zu den fundamentalen Aufgaben des modernen Staates. Dabei stehen die
„objektive“ Sicherheitslage (Kriminalstatistiken) mit den Ergebnissen von wissenschaftlichen Dunkelfeldstudien und Befragungen zur subjektiv wahrgenommenen Sicherheit in der Bevölkerung oft im Gegensatz. Dieses Spannungsfeld wirft Fragen auf, die sowohl für die Sozialwissenschaften als auch für die politische Praxis von großer Relevanz sind. Die Beiträge in dem Sammelband basieren auf Ergebnisse einer 2022 in Sachsen durchgeführten Befragung.
Dieser Sammelband will eine Brücke zwischen der kriminologischen Forschung zu Sicherheitsgefühl bzw. Kriminalitätsfurcht und der „politischen Kulturforschung“ schlagen – wobei der Begriff der „politischen Kulturforschung“ insofern missverständlich ist, als es nicht um politische Kultur i.e.S. geht, sondern um die Orientierungen der Bevölkerung gegenüber dem politischen System[1].
Datengrundlage der Beiträge in diesem Band bildet die Bevölkerungsbefragung „Sicherheit und Kriminalität in Sachsen 2022“, die vom Sächsischen Institut für Polizei- und Sicherheitsforschung (SIPS) konzipiert und geleitet wurde. An der Befragung hatten sich mehr als 5.000 Personen beteiligt. In diesem Kontext sind verschiedene interessante Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren entstanden (einen Überblick findet man hier). Zuletzt beschäftigte sich ein Beitrag auch mit der Frage, ob die Kriminalitätsfurcht das Vertrauen in die Polizei untergräbt.
Im Fokus des hier besprochenen Bandes stehen drei Fragen: Wie lässt sich Kriminalitätsfurcht konzeptionell und empirisch erfassen? Welche Auswirkungen hat sie auf politisch-kulturelle Einstellungen, etwa die Legitimität des politischen Systems und das Vertrauen in dessen zentrale politische Akteure? Und wie prägen solche Unsicherheitsgefühle das politische Verhalten, etwa in der Form von Wahlentscheidungen und politischem Protest?
Der Band richtet sich an Forschende der politischen Wahl- und Einstellungsforschung, der kriminologischen Forschung zum Sicherheitsgefühl sowie angrenzender Fachdisziplinen. Darüber hinaus bietet der Sammelband auch Anknüpfungspunkte für die polizeiliche und zivile Präventionsarbeit.
Die einzelnen Beiträge sind nicht miteinander verbunden, beleichten aber unterschiedliche Facetten des Problems. Im Einleitungsbeitrag wird der Zusammenhang zwischen politischer Kultur und Sicherheitsgefühl behandelt, bevor auf die Kriminalitätsfurcht als Ausdruck allgemeiner (sozialer) Unsicherheit eingegangen wird. Weitere Beiträge sind:
- Wie sich das subjektive Kriminalitätserleben im Zeitverlauf verändert hat. Eine Analyse am Beispiel der Stadt Dresden, 1995-2024.
- Stadt, Land, Furcht: Kriminalitätsfurcht in unterschiedlichen räumlichen Kontexten.
- Grenzen der Furcht: Der Einfluss von Grenznähe, Urbanität und politischer Einstellung auf personale Kriminalitätsfurcht.
- Der Gender Fear Gap im Vermeidungsverhalten in Sachsen: Eine empirische Analyse gängiger Erklärungsmodelle von Kriminalitätsfurcht.
- Angst essen Demokratie auf . Ist die politische Kultur in Sachsen von Angst beeinflusst?
- Sicherheit für Recht und Ordnung? Über die Auswirkungen von Kriminalitätseinstellungen auf das Polizeivertrauen im Freistaat Sachsen.
- Diskriminierung = Vertrauensverlust? Der Einfluss von Diskriminierungserfahrungen auf das soziale und politische Vertrauen.
- Gefahr durch Extremismus – Furcht vor Extremismus? Der Hotspot Sachsen und die Wahrnehmungen und Sorgen der Bevölkerung.
- Angst an der Wahlurne: Geschlechtsspezifische Einflüsse von sozialer Kriminalitätsfurcht auf die Wahlpräferenz für die Alternative für Deutschland.
- Zuwanderung, Sorgen vor Islamismus und AfD-Wahl: Eine Studie auf Gemeindeebene in Sachsen.
- Führt Kriminalitätsfurcht zu politischer Abstinenz oder Mobilisierung?
- Politische Kultur und das behaviorale Immunsystem. Der Einfluss von Infektionsangst auf Vertrauen, Fremdenfürchtigkeit und Konservatismus.
Im Fazit am Ende des umfangreichen Bandes stellen die Herausgeber fest, dass die Ergebnisse “durchaus gravierenden Konsequenzen von Kriminalitätsfurcht für die demokratische politische Kultur“ aufzeigen. „Häufig geht es dabei nicht einfach um generelle Ängste und Sorgen, die einfach auf das Feld der Kriminalität übertragen werden, sondern um eine spezifisch konstruierte Kriminalitätsfurcht und deren daraus resultierenden Einstellungen und Verhaltensweisen“. Während die personale Kriminalitätsfurcht eng an Erfahrungen tatsächlicher oder befürchteter Viktimisierung und Vulnerabilität gekoppelt sei, gründe soziale Kriminalitätsfurcht stärker in der Wahrnehmung eines allgemeinen Verlusts sozialer Kontrolle. „Meist ist es daher nicht die individuelle subjektive Sicherheit, die zu einer generalisierten Problematisierung von Kriminalität führt (…), zumal subjektive und „objektive“ Sicherheitslagen weitgehend voneinander entkoppelt sind (…). Dementsprechend ist die soziale Kriminalitätsfurcht häufig ein Zeichen für generalisierte Verunsicherung.
Nimmt man die Ergebnisse der Studie ernst, dass ergeben sich – so die Herausgeber – für die Bekämpfung der Kriminalitätsfurcht und deren Einfluss auf politische Einstellungen und Verhalten für die personale Dimension andere Schlussfolgerungen als für die soziale Dimension. Die Bekämpfung von Kriminalitätsfurcht dürfe daher nicht auf die Bekämpfung von Kriminalität selbst verkürzt werden, weil die „soziale Kriminalitätsfurcht“ weitreichende Folgen für politische Orientierungen, Einstellungen und das Vertrauen in die demokratische Ordnung habe. Gefragt seien daher nicht nur umfassende Perspektiven, sondern das Bewusstsein für den Umstand, dass die Folgen einer spezifisch konstruierten Furcht vor Kriminalität nicht auf die Sphäre der öffentlichen Sicherheit begrenzt bleiben. Da sie tief in die politische Kultur hineinwirken, bestehe die Notwendigkeit vielschichtiger wie langfristig angelegter Maßnahmen.
Auch wenn das abschließende Kapitel versucht, die in den Beiträgen zuvor dargestellten Einzelergebnisse und Analysen zusammenfassend zu bewerten, so wäre es hilfreich gewesen, in einer Einleitung das Konzeot und den Aufbau des Bandes ausführlicher zu erläutern. Auch ein Beitrag, der sich intensiver mit anderen Studien in Deutschland zu dieser Thematik veschäftigt (z.B. zur Bochumer Befragung, vgl. Schind 2022) wäre nützlich gewesen. So verbleibt der Eindruck einer schwer nachvollziehbaren Zusammenstellung von Beiträgen, die alleine die 2022 durchgeführte Umfrage verbindet.
Zur Preisgestaltung soll an dieser Stelle nur soviel gesagt werden dss es nciht nachvollziehbar ist, dass die Ergebnisser solcher, mit öffentlichen Mitteln geförderten Studien bzw. daraus entstehenden Analysen nicht open access zur Verfügung stehen, sondern kommerziellen Vermarktern zur Verfügung gestellt werden.
Thomas Feltes, März 2026
[1] „Politische Kultur bezeichnet allgemein das Verteilungsmuster aller Orientierungen einer Bevölkerung gegenüber dem politischen System als der Summe aller Institutionen. Zur politischen Orientierung zählen Meinungen, Einstellungen, Affekte und Werte“. https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/handwoerterbuch-politisches-system/202093/politische-kultur/