Martin Grassberger, Harald Schmid, Todesermittlung. Befundaufnahme und Spurensicherung, 3., korrigierte Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart 2026, XVI, 384 Seiten, 237 farb. Abb., 27 farb. Tab, ISBN 978-3-8047-4709-8, 92.- Euro, E-Book ISBN 978-3-8047-4710-4, 92.- Euro
Mit „Tatort Körper – auf der Suche nach der Wahrheit“ ist der Umschlagtext dieses Buches überschrieben, das sich als
„praxisorientierten Leitfaden“ versteht und „vor Ort ermittelnden Polizeibeamten, Juristen und Ärzten das Grundwissen für ihre verantwortungsvolle Tätigkeit vermitteln“ soll.
Das Buch beginnt mit einem Zitat aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht:
„Denn die einen sind im Dunkeln
Und die anderen sind im Licht.
Und man sieht die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.“
Gemeint sind mit diesem Zitat offensichtlich diejenigen Toten, deren unnatürlicher Tod durch Polizei oder Rechtsmediziner nicht erkannt wird (s. dazu unten). Der Schwerpunkt dieses Buches liegt auf der detaillierten Darstellung der Arbeit am Tatort wie z. B. Tatortsicherung, taktisches Verhalten, Spurensuche und -sicherung sowie Rekonstruktion. Daher wird besonderes Gewicht auf Themen gelegt, die erfahrungsgemäß Schwierigkeiten bereiten, wozu die Autoren z.B. naturwissenschaftliche Todeszeitschätzungen, Blutspurenmuster, Ermittlungen nach Brand, Befundaufnahme nach Verkehrsunfällen, Tod und Ertrinken im Wasser, Unfälle im alpinen Gelände, Ersticken und anderes zählen.
Behandelt wird, wenn auch eher knapp, auch der Lagebedinge Erstickungstod (LET) bzw. das Excited Delirium Syndrome (S. 138 f.). An diesem Stichwort werden die Vor- und Nachteile der Darstellungsweise in dem Buch deutlich. Zum LET wird ein knapper, aber präziser Überblick gegeben, die ausreicht, den Leser für die Problematik zu sensibilisieren. Wer darüberhinausgehende Informationen braucht, ist auf vertiefende Aufsatz- oder Monographieliteratur angewiesen[1].
Aufgrund der verständlichen Darstellung und der interdisziplinären Betrachtungsweise sowie der ausführlichen Bilddokumentation soll sich, so der Verlag, der Leitfaden auch für die polizeiliche Ausbildung eignen. Hier hat der Rezensent allerdings gewisse Einwände. Zum einen ist die Darstellung nicht immer auf dem aktuellen Stand, was man auch an den Bildern erkennen kann. Zum anderen werden strittige Aspekte oftmals nicht oder nur ansatzweise behandelt. Hier muss man vor allem in den Kapiteln 5 (kriminalistische Untersuchungspraxis am Tatort) und 6 (Spurenkunde) doch deutliche Abstriche machen. Eine intensivere Aktualisierung gerade dieser Kapitel des Buches wäre notwendig gewesen.
Didaktisch zu begrüßen sind die „Merke“-Kästen, die im Text verteilt sind und wesentliche Aspekte zusammenfassen. So wird z.B. gleich zu Beginn auf die Dunkelziffer bei Tötungsdelikten hingewiesen und die Studie von Brinkmann zitiert, wonach in Deutschland jedes Jahr mindestens 1.200 Tötungsdelikte und weitere11.000 nichtnatürliche Todesfälle nicht erkannt und im Rahmen der Leichenschau als natürliche Todesfälle klassifiziert werden. Der „Merke“-Kasten sagt dazu:
„Die Ermittlungen müssen soweit geführt werden, bis vernünftige Zweifel ausgeräumt sind … (daher)sollte besser einmal zuviel als einmal zu wenig die Beiziehung eines Rechtsmediziners zum Leichenfundort erwogen und eine Obduktion veranlasst werden“. (S. 3).
Ebenso positiv anzumerken ist, dass die Autoren auch immer wieder auf Fehler im polizeilichen Ermittlungsverfahren bzw. auf Fehler in der Dokumentation eines Tatortes oder von Spuren hinweisen (z.B. auf S. 73). Fehler, die bei der Tatortaufnahme und der Spurensicherung gemacht werden, sind im späteren Verlauf eines Ermittlungsverfahrens oftmals nicht mehr zu beheben.
Das muss dann auch für Fälle des Verdachts auf den o.gen. Lagebedingten Erstickungstod gelten, der leider noch immer in Obduktionen nicht erkannt wird, vor allem, weil die Vorgeschichte des Todes (Fixierungen in Bauchlage länger als 3 Minuten; zu späte Wiederbelebungsversuche; problematischer Transport) und der Tatortbefund dem Obduzenten nicht bekannt sind – teilweise, weil dies von der Polizei nicht ausreichend dokumentiert wurde.
Die eben nicht nur im Fall eines LET notwendige interdisziplinäre Zusammenarbeit wird von den Autoren betont und hervorgehoben. Sie muss über das in der Regel praktizierte nach- oder nebeneinander von Polizei und Rechtsmedizin deutlich hinausgehen. Daher sind auch die Ausführungen in dem Buch zur Tatortfotographie (S. 227 ff.) und zu den dort inzwischen möglichen dreidimensionalen Verfahren wichtig. Hier sieht man, dass beide Autoren mit dem Thema Fotografie nicht nur vertraut sind, sondern diese auch selbst pflegen[2].
Das Autorenteam besteht aus einem Gerichtsmediziner und Anthropologen (Grassberger), der sich auch in anderen Bereichen engagiert[3], und einem seit 2008 pensionierten Wiener Kriminalbeamten (Schmid), die – eigenen Angaben zufolge – miteinander befreundet sind.
Das Buch vermittelt kriminalistische und medizinische Grundlagen sowie die Methodik der Untersuchung bei gewaltsamen und natürlichen Todesfällen aus rechtsmedizinischer und polizeilicher Sicht. Insofern ist dieses Buch sehr gut dazu geeignet, denjenigen, die nicht selbst Rechtsmediziner sind, einen Ein- und Überblick über die Ermittlungen und Befundungen nach einem unnatürlichen Todesfall zu geben. Ausgebildeten Rechtsmedizinern wird die Darstellung an vielen Stellen nicht ausreichend tief sein, was aber kein insofern Problem darstellt, weil es für diese Zielgruppe genügend geeignete Fachbücher gibt (z.B. von Dettmeyer u.a.).
Als Überblickswerk ist das Buch aber sehr gut geeignet und für Polizeihochschulen als Standardliteratur zu empfehlen – allerdings sollte man es (aufgrund der Art der Bebilderung) zuhause so aufbewahren, dass es nicht in die Hände von Kindern oder Jugendlichen geraten kann.
Thomas Feltes, April 2026
[1] S. dazu demnächst mehrere Beiträge von Dettmeyer, Roos und Feltes zum LET aus medizinischer Sicht.
[2] Was man, nebenbei bemerkt, auch an der Gestaltung der Website von Grassberger erkennt.
[3] „Seine Interessenschwerpunkte sind u.a. Human- und Gesundheitsökologie sowie evolutionäre Aspekte im Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Sein Buch „Das leise Sterben“ wurde in Österreich Wissenschaftsbuch des Jahres 2020 in der Kategorie Naturwissenschaft/Technik“. Zitat von der persönlichen Website des Autors. Das aktuelle Buch von Martin Grassberger („Regenerativ. Aufbruch in ein neues ökologisches Zeitalter!“) beschäftigt sich mit der Komplexität unseres Daseins, der gegenwärtige Poly- und Metakrise und unseren mangelhaften diesbezüglichen Bewältigungsstrategien.