Denise Mina, Die große Hitze – Ein Philip-Marlowe-Roman. Deutsch von Else Laudan, Ariadne-Verlag Hamburg, 304 S., gebunden mit Lesebändchen, ISBN 978-3-86754-284-5, 24,00 €.
Ein Marlowe-Roman aus schottischer Feder? Die Glasgower Noir-Queen Denise Mina ist auf Chandlers Spuren gewandelt.
„Die große Hitze“ spielt, wie sollte es anders sein, im Los Angeles der ausklingenden1930er Jahre. Man begleitet Philip Marlowe durch seine Stadt und seine Zeit, „den Privatschnüffler mit dem unbestechlichen Blick und der trockenen Schlagfertigkeit“ (Else Laudan). Marlowe verabscheut Millionäre und sympathisiert mit Randständigen, bis hin zum gemeinsamen Alkoholexzess und dem Übernachten in der Ausnüchterungszelle der Polizei von Los Angeles.
Mina hat – so Else Laudan im Vorwort – „ein mitreißendes Pastiche erschaffen“. Für die nicht so literaturaffinen Leser: Ein Pastiche interpretiert den Stil, die Ideen oder Elemente anderer Autoren, Epochen oder Werke neu. Und dies geling Denise Mina vorzüglich: Man spürt den Unterschied zu Chandlers Werken, weiß aber manchmal nicht, was sich besser liest: Denise Minas Roman oder Chandlers Werke. Jedenfalls erfreut (wieder einmal) an dem bei Ariadne im Argument Verlag verlegten Roman die sehr schöne und leserfreundliche Aufmachung: Hardcover, kleines, handliches Format, aber dennoch gut lesbare Schrift, Lesebändchen. Und Informationen zum Hintergrund des Buches – dazu aber später mehr.
„Er bleibt sich treu, der einsame Detektiv, der am Abgrund sozialer Klüfte balanciert wie an den Klippen der kalifornischen Canyons. … Wunderschön an diesem milieusatten Roman ist Minas spürbarer Respekt vor dem Original, ihre Liebe zu der ikonischen Figur ihre Eleganz im Jonglieren mit Lokal- und Zeitkolorit“ (Else Laudan).
Los Angeles 1938. Marlowe misstraut dem millionenschweren alten Patriarchen, dessen verschwundene Erbin er suchen soll. Kann sein, dass das seine Prioritäten ein bisschen verzerrt. Aber irgendwie muss auch die Miete reinkommen.
Illusionen abgeneigt, Leere in der Tasche, Neugier im Herzen: Philip Marlowe, Inbegriff und Ursprung des hartgesottenen Detektivs, auferstanden dank der genialen Noir-Autorin Denise Mina, sucht im L. A. der Hütten und Paläste nach einer Wahrheit, mit der er leben kann.
Der Roman ist eine „sinnlichen Zeitreise, die zugleich ein Krimi und eine Es-war-einmal-in Amerika-Geschichte“. Er ist ein Muss für Interessierte an der Polizei, wie sie einmal war (und in Teilen heute noch ist), ebenso für diejenigen, die erleben wollen, was sich in den USA in den letzten hundert Jahren verändert hat. Übrigens erstaunlich wenig, wenn man Minas Schilderungen der „Skid Row“ in Los Angeles im Roman mit der heutigen Zeit vergleicht. Auch Donald Trump würde wunderbar in diese Geschichte passen, wobei Kritiker dann sicher sagen würden, dass dies doch zu viel der Phantasie sei…
Aber was genau macht den Roman aus – außer der Tatsache, dass er Philip Marlow wiederauferstehen lässt?
Es ist die Sprache, diese verdammte Sprache, die der Roman üppig pflegt, ja fast zelebriert. Die Sprache, die wir heute an die KI verlieren. Sie macht den Roman so besonders. Die Story, mit all den Drehungen und Wendungen, ist spannend, hat (gesellschafts)politische Sidekicks, die aber weit mehr als das sind. Man hält beim Lesen an, überlegt und denkt nach.
Apropos Sprache: Das Original ist auf Englisch (Originaltitel: The Second Murderer), die Übertragung ins Deutsche hat Else Laudan übernommen, Verlegerin des Ariadne-Verlags, in dem dieses wunderschöne Büchlein erschienen ist. Man merkt bei jedem Satz, wie viel Spaß ihr die Übersetzung gemacht hat, und wie tief sie dabei in die Story eingedrungen ist.
Beispiele gefällig?
„Und auf diesem Thron saß der hochwohlgeborene Mr. Chadwick Montgomery. Er starb. Er war mal ein großer Mann gewesen, seine Haut wusste das noch, aber er war darin geschrumpft, und die Haut hing grau an seinem Gesicht, um die Augen so lose, dass man die rote Innenseite sah. Seine Hände kauerten auf dem Schreibtisch wie arbeitslose Schinken. Neben ihm stand ein Infusionsapparat. Der Flüssigkeitsbehälter war voll und nagelneu. Jedes Mal, wenn ein Tropfen aus dem Beutel in den Schlauch fiel, fing er das Sonnenlicht ein und schickte ein fröhliches Funkeln durch den Raum. Tropf, tropf, tropf, tickten die Sekunden seines Lebens dahin.“
„Ich nahm meinen Drink von dem silbernen Tablett, das mir eine andere Magd hinhielt, die nicht aufsah. Sie hielten die Köpfe gesenkt, als wäre es Vertragsbruch, ihre Existenz zuzugeben. Sie schlüpfte zurück in die Schatten. Ich nippte. Sehr feiner Whiskey.“
„Er war nur ein Mann auf dem Rücken. Ein Mann mit Löchern im Leib. Ein toter Mann. Chrissie Montgomery war dahinter, stand zwischen Bett und Fenster. … Ihr Atem ging flach und abgehackt. Ich sah nach unten. Der Mann hatte Mussolini-Kinnbacken, seidene Smoking-Jacke über Frackhemd und Hosen. Dies war sein Zimmer.“
„Plötzlich wirkte es dunkel im Raum. Badeanzug trank. Sie trank, als hätte sie noch nie getrunken, aber davon gelesen und es immer mal gewollt. Angenommen, das in ihrer Hand war kein Fruchtcocktail, dann dürfte sie, sofern es ihr erster war, jetzt schon ziemlich duhn sein. Es war nicht ihr erster. Sie schlingerte auf mich zu. Der Badeanzug war blau. Er war schon nass geworden und hing hier und da schlapp herunter, genau wie sie. Der Gesamteindruck war zu viel.“
„Mutter und Tochter musterten einander mit der Herzlichkeit von Revolverhelden beim Warten auf die Mittagsglocke. Ein Dienstmädchen huschte zwischen sie, geduckt, als könnte sie geschlagen werden, wenn sie aufrecht stand, … Keine der Frauen nahm Notiz von ihr. Sie ging. Draußen raunte leise der Ozean“.
Else Laudan beschreibt in ihrem Nachwort ihre Motivation, diesen Text zu übersetzen, wie folgt: „Chandler, dieser umwerfende Erzähler, hat mich fürs Genre angefixt. Dass Denise Mina ein Pastiche geschrieben hat, fand ich so verblüffend wie passend, und es war mir eine Ehre, diesen Marlowe ins Deutsche zu bringen – immer schon wollte ich einen übersetzen, schon wegen der atemberaubenden Metaphern und Vergleiche. Gierig las ich erneut alle Chandler’schen Marlowes, im Original und in diversen Übersetzungen, was manche Verwunderung mit sich brachte, denn ältere deutsche Ausgaben sind teilweise krass lieblos und viel machohaft- wurstiger als gerade die frühen Originale, die Neufassungen lohnen sich da sehr“ – ein dezenter Hinweis darauf, dass es sich auch für diejenigen lohne, den Roman von Mina zu lesen, die frühere Marlow-Romane kennen oder noch im Bücherregal stehen haben.
Welche Mühe sich Laudan bei der Übersetzung gemacht hat, erkennt man auch daran, dass sie Jonathon Greens – wie sie selbst schreibt „famoses Slangwörterbuch“, verwendet hat, das inzwischen online verfügbar und mit zahllosen wertvollen Verlinkungen ausgestattet ist. Zudem dankt sie der „Hardboiled-Nerd-Seite“ (Glossarium Chandlerscher Begriffe) und dem digitalen Wörterbuch des deutschen Sprache, DWDS-Kernkorpus.
Übrigens ist das Slangwörterbuch mehr als einen Besuch wert, z.B. zu den Slang-Begriffen für White-Europeans bzw. Deutsche, die Green seit 1770 (!) dokumentiert hat. Die Slang-Bezeichnungen für Deutsche reichen von „Sauerkraut“ (1815) über „sausage“ und „Fritz“ (1890) bis zu „metzel“ (1983), in Anlehnung an die Metzelsuppe.
Ob das Buch deshalb so gut ist, weil die Autorin eine Frau ist, die Chandler bzw. Marlowe besser versteht als Männer? Der SPIEGEL zumindest meint, dass viele männliche Autoren daran gescheitert seien, einen Roman mit dem Marlowe zu schreiben, der es mit dem Werk seines Erfinders aufnehmen kann. Die Schottin Denise Mina zeige, wie es besser geht. „Sie lieben die Krimis von Raymond Chandler? Dann sollten Sie sofort diesen Roman lesen“ – meint der SPIEGEL. Dem kann man ausnahmsweise mal nicht widersprechen. Subito, lesen!
Thomas Feltes, April 2026